Gegen die Wand – zu Besuch bei future iii in Offenburg

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Für die Eilligen: Ich war zu Gast bei „Jöran ruft an“ und habe in ca. 5 Minuten erzählt, was mir in Offenburg passiert ist.

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Das letzte Wochenende war einigermaßen aufreibend für mich, denn ich war zu Gast bei der Gesellschaft für Bildung und Wissen, die zur Fachtagung future iii (Beispiel Schule und Unterricht) nach Offenburg geladen hatte. Dass ich dort präsentieren durfte, hat eine längere Vorgeschichte.

Ich war genau vor einem Jahr schon bei einer future iii Tagung – damals zum Thema Digitalisierung und Hochschule –  und nachhaltig erschüttert darüber, mit welcher negativen Grundhaltung dort vorgetragen und diskutiert wurde. Mit dem Organisator Ralf Lankau suchte ich das Gespräch, um dieser geballten Wucht an Abwehr-Rhetorik etwas Positives entgegen zu setzen. Wir blieben lose im Kontakt und vor einigen Monaten fragte er dann an, ob ich dieses Jahr bei future iii vortragen möchte. Ich nahm das gerne an und plante insgeheim schon eine subversive Aktion.

Diese begann damit, dass ich meinen Vortragstitel möglichst langweilig wählte, um ja keinen frühzeitigen Verdacht an meinen wahren Absichten aufkommen zu lassen. Der Titel war also der Trojaner, damit ich ins Programm komme. Als ob das nicht schon bedenklich genug ist, setzte ich noch einen drauf und startete vor einem Monat eine Call for Participation. Ich wollte nicht nur positive Beispiele der Digitalisierung für die Bildung aufzeigen, sondern auch demonstrieren, dass man sehr wohl im Netz kollaborativ arbeiten kann. Dazu stellte ich meine Google Slides offen ins Netz und bat alle Interessierten, sich dort kreativ auszutoben. Das wurde auch sehr gut angenommen – Danke dafür an alle Beteiligten! – und ich hatte viel Material zum präsentieren.

Die Veranstaltung begann am Samstag nach den obligatorischen Grußworten mit einem Grundsatzvortrag „Das Lehrer-Schüler-Verhältnis als pädagogische Grundrelation“ von Jürgen Rekus vom KIT. Er leitet dort die Abteilung für Allgemeine Pädagogik und beschäftigt sich somit mit ganz grundsätzlichen Fragen der Pädagogik, was man der umfangreichen Vortrags- und Publikationsliste entnehmen kann. Wenn man jetzt annehmen würde, dass die Digitalisierung mittlerweile auch ein grundsätzliches Thema geworden ist, wurde man enttäuscht. Rekus gab den Oberlehrer und tat alles Digitale mit einer Mischung aus Ignoranz und Arroganz ab (als Randnotiz: Er sprach konsequent von MOKs, und nicht von MOOCs, wobei es ja auch nicht LOP, sondern LOOP heißt).

Für mich ist diese Elfenbeinturm-Einstellung sehr bedenklich für die Bildungswissenschaft (zu der ich ja auch gehöre), aber das ist ein anderes Thema:=) Rekus stellte mit seinem Vortrag die Weichen sehr eindeutig in Richtung der radikalen Anti-Digtalstimmung, die sich über den gesamten Tag zog. Dementsprechend kamen mir auch (leise) Zweifel, was mich später (mein Vortrag war im letzten Block ab 15 Uhr angesetzt), erwarten wird. Meine Vorahnungen sollten noch übertroffen werden.

Es ging erstmal weiter mit Abwehrthemen, wie der Mediensucht und einem Programm zur Medienprävention. Das sind auf jeden Fall wichtige und unterstützenswerte Themen. Meine Kritik geht auch gar nicht gegen diese oder andere Projekte, sondern gegen die Art, wie diese für die Tagung future iii instrumentalisiert wurden. Das Netz wird als Popanz des Bösen aufgebaut, vor dem wir die Kinder unbedingt zu schützen haben.

Irgendwann war ich dann an der Reihe und es sollte ein denkwürdiges Ereignis werden. Doch der Reihe nach. Ich ließ die Hosen runter und offenbarte meinen Trojaner, dass ich über etwas völlig anderes reden würde, was angekündigt wurde. Das kam auch zu Beginn gut an und ich hatte die Lacher auf meiner Seite. Doch spätestens als ich zur Kritik an Manfred Spitzer ausholte, kippte die gute Stimmung. Ich hatte es nämlich gewagt, den Säulenheiligen öffentlich zu kritisieren. Dass es mir (wieder) nicht ausschließlich um die Inhalte, sondern um die Art, wie Spitzer sein Narrativ „digitale Demenz“ aufbaut, ging, wurde verdrängt. Mein anderer Angriffspunkt war Jörg Dräger mit seinem Narrativ „digitale Bildungsrevolution“.  Hier gab es bezeichnenderweise überhaupt keine Kritik an meiner Kritik.

Nach dem Ende der Session (mit weiteren Vorträgen von Jörn Loviscach und Ralf Lankau) kam es dann zur Frage-und-Antwort-Runde, die in meinem Fall eher einem Tribunal glich. Es wurde eine regelrechte Inquisition zu meiner Person (meinen Werten und meinem Standpunkt) veranstaltet, die mich an meine Anhörung zur Kriegsdienstverweigerung bei der Bundeswehr erinnerte. Mir wurde im Verlauf des Verhörs auch vorgeworfen, mich mit dem militärisch-industriellen-Komplex bzw. der Bertelsmann Stiftung gemein zu machen. Spätestens hier fiel ich vom Glauben ab, da ich in meinem Vortrag detailliert meine Auseinandersetzung mit eben dieser Stiftung im Rahmen meines Artikels „Die erfundene Revolution“ ausführte.

Hört man mir also nicht zu? Nein, ich denke, dass einige Teilnehmer/innen meine Haltung des offenen Umgangs mit der Digitalisierung gepaart mit einer großen Portion Kritik nicht verarbeiten können. Es passt nicht ins Weltbild des bösen, überwachungsgeilen, manipulativen Internets. Wenn ich dann Projekte wie den MOOC „Aussprachetraining für syrische Deutschlerner“ vorstelle oder auf die Philosophie von OER eingehe, gibt es dafür keine Kategorien. D.h. es ist anscheinend nicht möglich, dies als etwas Positives zu verbuchen, weil dadurch das eigene Weltbild in Frage gestellt werden müsste. In der Psychologie nennt man das übrigens kognitive Dissonanz.

Auch mein Schlusswort „Sapere aude!“ konnte so nicht seine Wirkung entfalten und es blieb für mich ein durchwachsener Eindruck der Tagung. So fand ich es gut, dass sich die GBW dem Diskurs überhaupt stellt. Weniger gut finde ich, dass oft sehr persönlich und nicht sachlich diskutiert wurde. Dennoch wurde mir durch vereinzelte Wortbeiträge deutlich, dass ich mit meiner Kritik am Diskurs „digitale Bildung“ – es dominieren die lauten Spitzers und Drägers und nicht die vielen kleinen, tollen Medienprojekte – doch nicht so ganz falsch lag.

Warum ich offen publizieren sollte – ein Plädoyer zum Elften Hochschuldidaktiktag (Uni Siegen) „Die Neue Offenheit – Perspektiven und Potentiale offener Bildungsressourcen“

hier mein Text für das Plädoyer morgen zum Elften Hochschuldidaktiktag „Die Neue Offenheit – Perspektiven und Potentiale offener Bildungsressourcen“

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Mittlerweile ist auch das Video online.

 


Warum sollte ich offen publizieren?

Ein Plädoyer von Markus Deimann | Institut für Lerndienstleistungen, FH Lübeck

Vorgetragen zum Elften Hochschuldidaktiktag

Die Neue Offenheit – Perspektiven und Potentiale offener Bildungsressourcen“

Universität Siegen

13.Oktober 2016

Als am 11. Januar 2013 in einem Apartment in Brooklyn, New York, die Leiche von Aaron Swartz gefunden wurde, fand damit nicht nur ein Leben viel zu früh sein Ende – Aaron wurde nur 26 Jahre alt – , sondern es ging auch einer der konsequentesten Aktivisten für freies Wissen von uns. Insbesondere seine Aktion, als er zwischen Ende 2010 und Anfang 2011 eine sehr große Anzahl wissenschaftlicher Fachartikel aus der Onlinedatenbank JSTOR downloadede, sorgte für große mediale Aufmerksamkeit. Aaron Swartz hatte sich mit einer Industrie angelegt, die bislang eher unbemerkt, die Grundlagen der Wissensgesellschaft bestimmte. Digitale Datenbestände wie JSTOR bieten zwar Zugang zu Wissen, dies aber exklusiv für ein zahlungskräftiges Klientel wie Bibliotheken oder Universitäten. Somit sind Menschen ohne direkten Zugang zu diesen Institutionen ausgeschlossen bzw. auf illegale Angebote angewiesen.

Ist das nicht ein paradoxer Zustand? Leben wir nicht seit vielen Jahren in einer Gesellschaft, die sich gerne mit den Präfixen Wissens-, Netzwerk oder Information schmückt? Ist Wissen nicht der neue Superstoff, der für wirtschaftliche Prosperität, gesellschaftlichen Wohlstand und individuelles Glück sorgen soll?

Allerdings gibt es seit 2001 eine Bewegung, mit der die große Erzählung unserer Wissensgesellschaft herausgefordert wird. Damals begann nämlich das MIT, also eine überaus renommierte Institutionen damit, ihre Kurse inklusive der begleitenden Lehr-/Lernmaterialien frei ins Internet zu stellen. Frei meint dabei nicht nur kostenfrei, sondern frei von Schutzrechten. Denn seit 2004 nutzt das OpenCourseWare Netzwerk, das aus der MIT Initiative hervorging, die CreativeCommons Lizenz. Damit wird an einen alten, heute aber vergessenen Diskurs angeschlossen.

Als 1996 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos John Perry Barlow die Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace veröffentlichte, skizzierte er auch einen radikalen Bruch mit der analogen Welt:

Cyberspace consists of transactions, relationships, and thought itself, arrayed like a standing wave in the web of our communications. Ours is a world that is both everywhere and nowhere, but it is not where bodies live.

We are creating a world that all may enter without privilege or prejudice accorded by race, economic power, military force, or station of birth.

We are creating a world where anyone, anywhere may express his or her beliefs, no matter how singular, without fear of being coerced into silence or conformity.

Your legal concepts of property, expression, identity, movement, and context do not apply to us. They are all based on matter, and there is no matter here.“

So utopisch diese Zeilen heute angesichts der geballten Diskurs- und Gestaltungsmacht von Google, Amazon, Facebook und co auch klingen mögen, sie weisen auf ein großes Freiheitsversprechen des Internets hin. Dieses Freiheitsversprechen gilt auch heute noch. Es liegt an uns allen, es wahr werden zu lassen. Meiner Meinung nach gibt es sogar eine moralische Verpflichtung dafür. Immanuel Kant formulierte im Kategorischen Imperativ:

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Als Wissensarbeiter/in sowie als aufgeklärter Bürger/Bürgerin der Wissensgesellschaft sind wir auf möglichst unbeschränkten Zugang zu Informationen angewiesen. Nur so können wir uns ausgewogen eine Meinung bilden und ein Netzwerk mit Gleichgesinnten aufbauen, dass uns hilft, der wahnsinnigen Informationsflut durch kluge Filter Herr zu werden.

Auch scheint durch die jüngst angekündigte Open Access Strategie des BMBF angezeigt, dass eine Verpflichtung zum Teilen legitim ist. Auch wenn von einigen bereits vom Staatsautoritarismus schwadroniert wird, steigt der Konsens, dass offen zugängliches Wissen nicht nur ein nettes, philanthropisches Add-On ist, sondern eine konstitutive Bedingung der digitalen Gesellschaft.

Es gibt somit gute moralische und bildungspolitische Gründe, offen zu publizieren. Tatsächlich wäre eine Wissensgesellschaft, die den Zugang zu Informationen aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen einschränkt, geradezu absurd. So brach 2014 beispielsweise die Universität Konstanz die Verhandlungen mit dem Verlag Elsevier wegen ständig steigender Preise ab. Und auf der Webseite Cost of Knowledge haben bislang 16344 Wissenschaftler/innen ihren Protest gegen Elsevier zum Ausdruck gebracht.

Wir brauchen aber mehr als Online Proteste, wir brauchen eine gelebte Praxis der Offenheit. Wir brauchen das Bewusstsein für die Notwendigkeit des offenen Zugangs. Wir brauchen den Mut, sich den ökonomisch Regierungsformen des Publish or Perrish, der uns zwingt in geschlossenen High Impact Journals zu publizieren, zu widersetzen.

Wir sollten die neue Offenheit auch in die Universität hineintragen, denn ohne unser Zutun wird sich diese Institutionen nicht einfach verändern. Das mussten auch die Bill Gates und Sebastian Thruns am eigenen Leib erfahren, als sie vollmundig das Ende der Universität ausriefen. Warum das so ist, liegt an der grundlegenden Verfassung der Hochschule. Sie baut nämlich auf einem Wahrheits- und nicht auf einem ökonomischen Code auf. So kollidieren Versuche, die Offenheit kommerziell auszunutzen mit dem Wahrheitscode. Offenheit stellt nämlich auch einen Wert an und für sich dar. Ich denke sogar, dass wir einen neuen Code definieren können, den Offenheitscode. Dieser kann beispielsweise für den Zugang zu Informationen oder Institutionen angewendet werden. Ganz grob lässt sich der Offenheitscode in den Ausprägungen hoch, mittel und gering unterscheiden. Er hilft Universitäten dabei, ein eigenes Verständnis bzw. eine eigene Strategie im Hinblick auf die Herausforderungen der Digitalisierung zu entwickeln. Er hilft ihnen auch dabei, ihr Selbstverständnis und ihre Mission kritisch zu überdenken, ohne reflexartig in den Chor der disruptiven Innovator/innen einzustimmen. Ein Beispiel für ein solch reflektiertes Vorgehen – Sie gestatten mir sicher diesen Werbeblock – ist das Institut für Lerndienstleistungen an der FH Lübeck. Wir entwickeln offen zugängliche MOOCs als Instrument für mehr Durchlässigkeit zwischen der beruflichen und akademischen Bildung. Es geht dabei um die Öffnung der Hochschule für nicht-traditionelle Studierende. Ein wichtiger Baustein dafür sind die Open Educational Ressources, die bei der Produktion der MOOCs entstehen und danach für jedermann/jedefrau frei nutz- und veränderbar ins Netz gestellt werden.

Ich hoffe sehr, dass es die Venture Capitalists, die finanzstarken Stiftungen und die innovationswillige, oft aber konzeptarme Bildungspolitik nicht schaffen, das zarte Pflänzchen der neuen Offenheit so als Marketinghype auszuschlachten, dass am Ende nur noch Enttäuschung zurückbleibt.

Wir alle sind aufgerufen, den Diskurs mitzubestimmen und mitzugestalten. Sapere aude!

Call for Participation: Wir sammeln gemeinsam positive Beispiele für digitale Bildung, mit denen ich bei den radikalen Skeptiker/innen überzeugen will

Liebe Community,

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am 22.10.2016 bin ich für einen Vortrag für die Tagung future iii der Gesellschaft für Bildung in Wissen in Offenburg eingeladen und möchte einen Versuch wagen. Dabei geht es um das Motto „Practice what you preach“ – Openness gepredigt und gelebt.

Um das zu verstehen, muss man den Hintergrund und den Kontext der Tagung bzw. der sie veranstaltenden Gesellschaft kennen. Bildung und Wissen geht sehr kritisch mit der Digitalisierung um, was am Thema der letztjährigen Tagung „digitaltechnik zwischen freiheitsversprechen und totalüberwachung“ (es ist absichtlich alles klein geschrieben, aus welchem Grund auch immer), klar gemacht wird.

Kritik finde ich – und wer mich kennt, weiß das auch – sehr wichtig für die Debatten zu Bildung, Offenheit und Digitalisierung. Bei der Tagung letztes Jahr ging es jedoch sehr polemisch, etwa mit unsachlichen Angriffen auf bestimmte Personen aus der Bertelsmann Stiftung zu.  Auch schien Digitalisierung fast ausschließlich mit Dystopie gleichgesetzt und der Diskurs kreiste einseitig um die Themen Überwachung, Kontrolle, Manipulation etc. Nochmal, mir geht es nicht darum, dies zu relativieren oder gar zu negieren, sondern eine Alternative, ein anderes Narrativ zu entwickeln.

Mein Vortrag soll Open Education behandeln, welche Themen dies sind, will ich hier sammeln, um dann daraus eine erzählbare Geschichte zu machen. Dabei sollen auch meine Erfahrungen mit diesem Call for Participation eine Rolle spielen.

Nun zur konkreten Beteiligung:

Ich suche nach Themen, Ideen, Ansätzen, Projekten etc, die ein positives Bild von Digitalisierung im Zusammenhang mit Openness zeichnen. Es soll um die damit verbundenen Werthaltungen gehen, so wie etwa OER mit einer Kultur des Teilens oder cMOOCs mit einem offenen Lernereignis verbunden sind. Also weniger Produkte und mehr Prozesse. Gerne auch mit konkreten Beispielen, mit denen der Wert illustriert wird.

Vorschläge, egal welcher Art und wie umfangreich, bitte in die Kommentare hier, in die Google Slides, oder per Twitter.

 

==Update==

Auf dem 1. FernUniCamp habe ich einen kurzen Input zur Aktion gemacht.

 

Die organisierte (A)Synchronität

Als ich mein Studium im Wintersemester 1995/96 an der Universität Mannheim in Erziehungswissenschaft und Politikwissenschaft (damals hieß das noch Magister Artium) begann, war ich gleichzeitig begeistert und überfordert von der akademischen Freiheit. Es war so ziemlich das Gegenteil, zum dem wie mich die Schule 13 Jahre lang sozialisiert hatte.

Pflichtbewusst besuchte ich dann Vorlesungen um 8:30 Uhr und nahm an Seminaren teil. Während die Vorlesung mich stark in den ehrfürchtigen Rezeptionsmodus versetzte (ein_e renommierte_r Professor_in gab kompetent Einführung in das Fach), war die Stimmung im Seminar sehr diskursiv. Es gab den vielgeprießenen Austausch auf Augenhöhe. Die Anforderungen waren hoch, es musste viel gelesen werden und wenn man das nicht tat, konnte man nur passiv den geistigen Höhenflügen seiner Kommiliton_innen folgen. Die Diskussionen mit den Professor_innen waren das, was mit am meisten am Studium begeisterte. Die Leistung der Universität bestand darin, genau das zu organisieren, die Synchronität, d.h. alle Studierenden kommen (mehr oder weniger) vorbereitet einmal die Woche zum Seminar.

Was es damals überhaupt nicht gab, waren Möglichkeiten zur asynchronen Vor- und Nachbereitung mit digitalen Werkzeugen. (Ja, ich hätte auf die Idee kommen können, die Diskussion im Seminar aufzuzeichnen.) Dafür arbeitet jede_r mit analogen Aufzeichnungen und mündlichen Überlieferungen, die in der Cafeteria gesammelt wurden.

Es ist daher auch schade, dass die Digitalisierung in der Bildung nur sehr zögerlich angegangen wird und wenn dann oft am Modell der Anreicherung orientiert, laut einer aktuellen Studie sind das 73% der Hochschulen. Statt Vorsicht wäre mehr Mut wichtig, die an der Kompetenz der Hochschulen zur organisierten (A)Synchronität ansetzen kann. Wie in den frühen cMOOCs gezeigt, lassen sich Menschen und Themen kreativ zusammenbringen und eine Dynamik entwickeln, die der diskursiven Kultur des Seminars nahe steht. Hier weiter zu experimentieren ist für mich genau das, was Hochschullehre ausmacht. Nur so kann auch aufgezeigt werden, was sich digital (sinnvoll) abbilden lässt und nicht durch das stetige mantrahafte Beschwören der digitalen Bildungsrevolution wie gerade wieder beim Bildungsgipfel EduAction.

 

 


Dies ist ein Beitrag zur „Blogparade: Was macht ein Hochschulstudium aus?“, initiiert von Oliver Tacke.

Mit OER zu digitalerBildung? Vortrag zum Tag der mediengestützen Lehre an der FH Dortmund

Die FH Dortmund führte am 01.Juni 2016 ihren Tag der mediengestützen Lehre durch und ich durfte das Programm mit einem Vortrag bereichern.

Das Thema war „Digitale Bildung mit Open Educational Resources (OER)“, wobei ich keinen klassischen, einführenden OER-Vortrag halten wollte. Dafür gibt es mittlerweile sehr gutes Material, insbesondere bei der Transferstelle für OER oder im laufenden MOOC „COER16„.

Stattdessen ging es mir darum, die These „OER als Katalysator für digitale Bildung“ zu entwickeln. Als Ausgangslage ging ich von der aktuell diffusen Gemengelage des Sprechens über die Digitalisierung der Bildung aus. Zu unterscheiden sind dabei drei Perspektiven:

  1. Die Innenperspektive: Hier treten Vertreter/innen der Hochschule auf und leiten ihre Argumente aus der Tradition dieser akademischen Institution ab. OER passt sehr gut in diese Linie, wird jedoch bislang kaum als solche wahrgenommen. OER steht dem Humboldtschen Bildungsbegriff nahe und könnte als Begründung für mehr offene Bildungspraktiken benutzt werden.
  2. Die Außenperspektive: Hier wird über die Hochschule von außen, oft von Vertreter/innen der Wirtschaft gesprochen und umfangreiche Reformen gefordert. Es ist etwas faul mit der Hochschule – siehe dazu das Mem „Education is broken“. Dabei wird die Digitalisierung als große Hoffnung aufgebaut, die Hochschule „zukunftsfähig“ zu machen. Aspekte von Openness stehen nicht  so sehr im Mittelpunkt bzw. werden eher instrumentell behandelt, wie beim Argument, dass mit OER Geld eingespart werden kann.
  3. Die Perspektive des professionellen Sprechens: Als eine Verbindung der ersten und zweiten Perspektive mit einem strategischen Auftrag treten Akteur/innen wie das Hochschulforum Digitalisierung auf. Es gibt hier eine Reihe von Vorhaben in Form strategischer Papiere, die mal mehr mal weniger auch das Thema OER tangieren (siehe exemplarisch das KMK-Papier zur „Bildung in der digitalen Welt“).

Diese einordnende Übersicht habe ich genutzt um in einem kurzen, kursorischen Ausblick Perspektiven einer offenen digitalen Hochschulbildung zu skizzieren. Dazu führe ich zunächst einen „Offenheitscode“ ein, der vereinfacht in den Ausprägungen hoch, mittel und gering gedacht ist. Dieser Code soll die Öffnungsbewegungen der letzten Jahre (etwa Open Access, OER, MOOCs) reflektieren und wird in Ergänzung zu den bisherigen Codes der Wissenschaft (wahr/falsch) und der Ökonomie (effizient/nicht effizient) postuliert.

Hinzu kommen Überlegungen zum Bildungsbegriff bzw. -verständnis (eher Humboldt oder McKinsey) und zu den Strukturen (Hochschule als besondere Institution und eigenes System, das nun auf ein anderes, eigenes System trifft, das WWW/Internet).

Anhörung im niedersächsischen Landtag am 18. April

Zu Anhörung und Aussprache des Antrags der CDU-Fraktion Zukunftsprogramm  „Digitale Lehre “ auflegen – Online-basierte Lehre an  niedersächsischen Hochschulen stärken! wurde ich gebeten eine Stellungnahme abzugeben. Im Blog des Hochschulforum Digitalisierung finden sich die Stellungnahmen der anderen Expert_innen.


Sehr geehrte Damen und Herren,
digitales Lehren und Lernen bietet zweifellos herausragende Chancen, Bildung neu zu erleben und Hoch-schulen zu stärken. Die Digitalisierung hat sich nahezu vollständig in allen gesellschaftlichen Bereichen verbreitet, Hochschulen sollten und dürfen hier keine Ausnahme machen. Allerdings gilt es auch die Ei-gengesetzlichkeiten und Historie dieser akademischen Institution genau zu berücksichtigen. Hochschulen sind keine Medienunternehmen, auch wenn viele Kommentartorinnen und Kommentatoren für eine 1:1-Übertragung der Digitalisierungsdynamiken eintreten. Bildung ist mehr als die intelligente Verbreitung mul-timedial aufbereiteter Inhalten und deren Auslieferung auf unterschiedlichen Endgeräten. Auch wird Lernen nicht einfach automatisch in Gang gesetzt, sobald ich Zugang zu einer „Bildungs-Playlist“ habe, auf die von überall zugegriffen werden kann.

Es ist daher wichtig, digitale Werkzeuge, Technologien und Angebote mit dem System der institutionali-sierten Hochschulbildung abzugleichen, um so auszuloten, an welchen Stellen und für welche Funktionen die Digitalisierung einen „Bildungsmehrwert“ schafft. Dies erfordert einen abgestimmten Dialogprozess aller Beteiligten und eine strategische Verortung bei der Hochschulleitung. Auch für das zu diskutierende Zukunftsprogramm „Digitale Lehre“ gilt das: Es ist sicherzustellen, dass die sozio-kulturellen und bildungspolitischen Besonderheiten niedersächsischer Hochschulen berücksichtigt werden und kein „digitaler Aktionismus“ ausgelöst wird. Die mit dem Programm attribuierten Chancen sind keine Selbstläufer, sondern erfordern ein strategisches Vorgehen. Hierzu werden mit dem Antrag bereits wichtige Aspekte tangiert: Strukturelle Verankerung mit den Zielvereinbarungen der Hochschulen, ein angemessener Rechtsrahmen, der Hochschulen bei der Verankerung der Digitalisierung unterstützt, ein spezifisch auf die Besonderheiten digitaler Lehre ausgerichtetes Motivationssystem für Lehrende sowie Aspekte der Akkredi-tierung von Online Studiengängen.
Was es darüber hinaus braucht, sind beispielhafte Modelllösungen für eine gute digitale Lehre, die dem eingangs angesprochenem Spannungsfeld zwischen digitaler Euphorie und traditioneller Hochschulpraxis Rechnung tragen. Das betrifft beispielsweise Ansätze aus dem Bereich der Open Education, die für eine Demokratisierung und Chancenvielfalt in der Bildung stehen. So erlauben sogenannte offene digitale Bildungsressourcen (OER) deren Verwendung, Veränderung und Weitergabe im Netz ohne den Urheber/die Urheberin explizit um Erlaubnis fragen zu müssen. OER sind damit ein wichtiges strategisches Mittel, Bildung zu öffnen und neue Zielgruppen zu erschließen. So bieten sich beispielsweise Brücken- und Vorbereitungskurse auf OER Basis in „kritischen“ Fächern wie Mathematik an. Zur Förderung des Austauschs und der Kollaboration – beides konstitutive Elemente der Hochschulbildung – im digitalem Raum lassen sich Massive Open Online Courses (MOOCs) einsetzen. MOOCs sind im Hinblick auf Skaleneffekte interessant sowie als Instrument zur Digitalisierung der Präsenzlehre. Mit dem als Inverted Classroom bekannten Modell lassen sich Mediennutzungsgewohnheiten netzaffiner Lernender und konventionelle Ansprüche von Bildungseinrichtungen intelligent verzahnen. Diese und weitere Ansätze sind systematisch auszubauen und perspektivisch zu etablieren.

Mit dem Aufkommen dieser und weiterer digitaler Lehr-/Lernszenarien stellen sich dann auch Fragen zur Bildungstradition und pädagogischen Praxis strukturell neu. Das betrifft beispielsweise Lern- bzw. Studienerfolg. Hier trifft die konventionelle Messung, Abschlussquote, zu kurz und vernachlässigt wichtige Aspekte von Bildung im digitalen Ökosystem. Es geht neben der erfolgreichen Bearbeitung von Testaufgaben nun viel stärker um aktive Partizipation in digitalen Netzwerken. Nicht allein das intelligente Bedienen von Apps auf dem Smartphone oder Grundkenntnisse des Programmierens sind damit gemeint, sondern die Bereitschaft zum Teilen von Wissen und Fertigkeiten, zum Kooperieren und Kollaborieren in unterschiedlichen, dezentral organisierten Netzwerkten.

Wenn wir digitale Bildung ernst nehmen, dann braucht es neue Konzepte, die das alte bildungsphilosophische Erbe von Humboldt behutsam und überlegt in die digitale Zeit übertragen. Wir sollten dabei, wie einige Verfechter_innen einer digitalen Bildungsrevolution sich erträumen – nicht alles auf intelligente Maschinen übertragen und Lehren zum bloßen Begleiten und Coachen degradieren, sondern nach Wegen suchen, persönliche Beziehungen mit digitalen Werkzeugen zu unterstützen. Bildung ist mehr als der Nachweis von Wissen und Kompetenz – es ist ein sperriges Konstrukt, das sich nicht einfach quantifizieren und abbilden lässt. Es betrifft Grundwerte unserer Demokratie, die gerade in unserer digitalen Gesellschaft von essentieller Bedeutung sind.

Bildungsinstitutionen sind darauf noch nicht vorbereitet. Es braucht daher Konzepte und Mut zum Umsetzen von allen Beteiligten.