Warum wir für Arbeit 4.0 nicht Bildung 4.0 brauchen

so der Titel des Vortrags, zu dem ich für die Frühjahrstagung der Deutschen Gesellschaft für Wissenschaftliche Weiterbildung und Fernstudien nach Hannover eingeladen wurde.

Leibnizhaus Hannover (Foto von Markus Deimann, CC-BY)

Mit meinem Vortrag (Aufzeichnung, Slides, Manuskript) wollte ich den Fehlschluss problematisieren, bei der die sog. vierte Revolution der Menschheit für Arbeit und Industrie auf Bildung übertragbar ist. Als Bildungswissenschaftler ist mir wichtig, Bildung als eigenständige Disziplin mit langer Tradition deutlich zu machen. Es gibt eine Eigenlogik bei Bildung, die bei Innovationsversuchen („Bildung 4.0“) zu berücksichtigen ist. Stattdessen wird Bildung instrumentalisiert und kolonialisiert von Ingenieurkunst, Technik und IT, so wir kürzlich in der FAZ, als HPI-Direktor Meinel Humboldt sogar zum Fan der Bildungscloud machte. Das ist eine reine Zuschreibung, die sich nicht begründen lässt.

Demgegenüber stelle ich eine bildungsphilosophisch ausgerichtete Perspektive, mit der die gängigen Annahmen der „digitalen Bildung“ kritisch diskutiert werden können.

Der Geist der (disruptiven) Innovation

Der Forschungsgipfel 2017, ausgerichtet vom Stifterverband, der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), stand unter dem Motto “Aufbau einer neuen Innovations- und Wagniskultur” und arbeitete sich eher klassisch in Form von Keynotes, Blitzlichtern und Inner Circle Diskussionsrunden am Thema ab. Die Foren waren hochkarätig besetzt mit Vertreter/innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft (u.a. BM Altmaier) und boten dank einer engagierten Moderation einen vielfältigen Einblick in die aktuelle Diskussion.

 

Bereits zu Beginn waberte der Geist der disruptiven Innovation durchs Allianz Forum, der dann im weiteren Verlauf immer wieder beschworen und angerufen wurde. Es blieb aber eher diffus gespenstisch, ohne klar herauszuarbeiten, was mit “disruptiver Innovation” genau gemeint ist. Wo kommt der Begriff her und warum soll sich damit ein Forschungsgipfel beschäftigen? Das waren Fragen, die zu Beginn diskutiert werden sollten, um von dort aus eine systematische Debatte führen zu können.  

 

Stattdessen wurde eher affirmativ denn aufklärerisch argumentiert und eine hohe Schlagzahl vorgegeben. Es braucht nichts weniger als eine radikale Innovation, um den Anschluss an andere Märkte (USA, Asien) nicht zu verpassen. Die Politik ist damit aufgefordert, geeignete Rahmenbedingungen für mehr Innovation und Unternehmertum (sog. Entrepreneurship) in Deutschland zu schaffen. Als ikonisches Leitild dient das Silicon Valley mit seiner ausgeprägten Start-up-Kultur, da sie durch ihre  konsequent auf Innovation ausgerichtete Mentalität überkommene Strukturen und Konventionen durchbrechen und den Weg frei für völlig neue Geschäftsmodelle machen können.

 

Damit war die Marschroute für den Tag vorgegeben, der Blick ging nach vorne und suchte in den verschiedenen Panels nach Treibstoff für die Transformation. Die Anschlussfähigkeit der Diskussion, sowohl für den äußeren Kreis (der im Verlaufe des Tages leider nicht zu Wort kommen durfte) sowie für die interessierte Öffentlichkeit, könnte erhöht werden, indem man an folgenden Punkten arbeitet:

 

  • Breite, partizipative Verständigung über die Ziele und die Art, wie digitale Transformation gestaltet werden kann. Die gegenwärtige Diskussion ist bestimmt von Vordenker/innen wie Peter Thiel oder Elon Musk, die aufgrund ihrer finanziellen und organisatorischen Ressourcen eine privilegierte Stellung haben und dadurch von den Medien als eine Art personifizierte Regierungssprecher der Technik gemacht werden. Dadurch haben es andere Akteur/innen schwer, sich in die Debatte einzumischen. Dies ist jedoch wichtig, da die sog. digitale Transformation – wie immer wieder betont wird – die gesamte Gesellschaft tangiert.

 

  • Mut zur Gelassenheit. Der selbstauferlegte Druck zur (radikalen) Veränderung von fast allen Konventionen ist mittlerweile immens geworden und kann zu einer hektischen Betriebsamkeit führen. So schrieb etwa Paul Krugman letztes Jahr in der New York Times: “So what do I think is going on with technology? The answer is that I don’t know — but neither does anyone else. Maybe my friends at Google are right, and Big Data will soon transform everything. Maybe 3-D printing will bring the information revolution into the material world. Or maybe we’re on track for another big meh. What I’m pretty sure about, however, is that we ought to scale back the hype.” Es geht dabei nicht  darum, technologische Innovationen zu ignorieren oder per se abzulehnen, sondern ihnen mit einer reflektierteren Haltung entgegenzutreten, die sich auch der eigenen kulturellen Wurzeln bewusst ist.

 

  • Den Blick zurück werfen. Die aktuelle Fokussierung auf das Silicon Valley als Tempel der Innovation verstellt den Blick auf die Entstehungsgeschichte. Es ist jedoch wichtig zu verstehen, wie und warum es zu bestimmten Entwicklungen gekommen ist, insbesondere um Alternativen dazu entwerfen zu können. Für das Silicon Valley mit ihrem Glaube an technische Lösungen für (zum Teil noch gar nicht bekannte) Probleme (Solutionismus) ist dies als Kalifornische Ideologie identifiziert worden. Im Fall des Buzzwords “disruptive Innovation” ist der Artikel im New Yorker “The Disruption Machine” empfehlenswert, da er aufzeigt, wie inflationär inzwischen mit dem Begriff gearbeitet wird. So wird versucht argumentative Bezüge herzustellen, die so keineswegs in der Ursprungsidee enthalten sind.

 

Somit bleibt für mich ein eher gemischter Eindruck. Einerseits boten die Panels gute Einblicke in die verschiedenen Aktivitäten, Innovation kulturell und institutionell zu fördern. Dem steht auf der anderen Seite ein Mangel an Partizipation gegenüber, da die “Inner Circles” keine “strukturelle Kopplung” mit der Außenwelt hatten.

Im akademischen Olymp

Nach über 15 Jahren (meinen ersten Vertrag als wiss. Mitarbeiter bekam ich am 01.11.2001 an der TU Ilmenau) Dienst in und an der Wissenschaft, bin ich seit kurzem im akademischen Olymp angekommen. Anfang März fand die letzte Etappe meines Habilitationsverfahrens an der FernUniversität in Hagen statt und ich wurde eingeladen zum (Probe-)Vortrag

Bildungswissenschaft als Medienbildungswissenschaft für die Netzwerkgesellschaft

Slides 

Manuskript

Zuvor musste ich die Hürde der schriftlichen Leistung nehmen und habe dazu die ausführliche und grundlegende Abhandlung „Open Education. Gegenstand. Theorie. Diskurs“ verfasst. Die Vorbereitung zur Veröffentlichung in einem Verlag laufen gerade und ich hoffe, bald alles Organisatorische geklärt zu haben.

Da ich beim offiziellen Akt – die Habilitationskommission schlägt dem Fakultätsrat vor, mich zu habilitieren – nicht dabei sein konnte, fand heute eine kleine Feierstunde mit Übergabe der Urkunde statt.

 

 

 

 

 

 

 

Zufrieden und voller Tatendrang für die kommenden Aufgaben und Projekte geht diese Etappe für mich zu Ende.

 

 

 

 

pMOOCs ein (un)mögliches (Hochschul-)Format?

Für das Arbeitstreffen des Netzwerks „Offene Hochschule“ am 5. und 6. Dezember in Weimar boten Kerstin Liesegang, Chrisitan Vogel und ich diesen Workshop an.

Nach einer kurzen Abfrage, was die TN unter MOOCs verstehen, führte ich in das Konzept der p(rofessional) MOOCs ein, das wir an der FH Lübeck umsetzen. Auf der MOOC-Plattform mooin findet sich dazu u.a. der Kurs „Mathe endlich verstehen„. Die pMOOCs verstehen sich als Instrument zur Förderung durchlässigen berufsbegleitenden Studierens, d.h. berufliche und akademisch Bildung sollen einander näher gebracht werden.

Im Workshop stellen wir dann das Konzept des Kaiserslauterer Open Online Course (KLOOC) zum Thema „Nachhaltige Entwicklung“ vor und das diesbezügliche Evaluationsdesign (PDF).

In der anschließenden Diskussion ging es um weitere mögliche Einsatzszenarien von MOOCs, etwa im Zusammenhang mit der Öffnung von Hochschule.

Eine ausführliche Workshopdokumentation findet sich in diesem PDF. doku_moocs_liesegang-deimann-vogel-002

Gegen die Wand – zu Besuch bei future iii in Offenburg

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Für die Eilligen: Ich war zu Gast bei „Jöran ruft an“ und habe in ca. 5 Minuten erzählt, was mir in Offenburg passiert ist.

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Das letzte Wochenende war einigermaßen aufreibend für mich, denn ich war zu Gast bei der Gesellschaft für Bildung und Wissen, die zur Fachtagung future iii (Beispiel Schule und Unterricht) nach Offenburg geladen hatte. Dass ich dort präsentieren durfte, hat eine längere Vorgeschichte.

Ich war genau vor einem Jahr schon bei einer future iii Tagung – damals zum Thema Digitalisierung und Hochschule –  und nachhaltig erschüttert darüber, mit welcher negativen Grundhaltung dort vorgetragen und diskutiert wurde. Mit dem Organisator Ralf Lankau suchte ich das Gespräch, um dieser geballten Wucht an Abwehr-Rhetorik etwas Positives entgegen zu setzen. Wir blieben lose im Kontakt und vor einigen Monaten fragte er dann an, ob ich dieses Jahr bei future iii vortragen möchte. Ich nahm das gerne an und plante insgeheim schon eine subversive Aktion.

Diese begann damit, dass ich meinen Vortragstitel möglichst langweilig wählte, um ja keinen frühzeitigen Verdacht an meinen wahren Absichten aufkommen zu lassen. Der Titel war also der Trojaner, damit ich ins Programm komme. Als ob das nicht schon bedenklich genug ist, setzte ich noch einen drauf und startete vor einem Monat eine Call for Participation. Ich wollte nicht nur positive Beispiele der Digitalisierung für die Bildung aufzeigen, sondern auch demonstrieren, dass man sehr wohl im Netz kollaborativ arbeiten kann. Dazu stellte ich meine Google Slides offen ins Netz und bat alle Interessierten, sich dort kreativ auszutoben. Das wurde auch sehr gut angenommen – Danke dafür an alle Beteiligten! – und ich hatte viel Material zum präsentieren.

Die Veranstaltung begann am Samstag nach den obligatorischen Grußworten mit einem Grundsatzvortrag „Das Lehrer-Schüler-Verhältnis als pädagogische Grundrelation“ von Jürgen Rekus vom KIT. Er leitet dort die Abteilung für Allgemeine Pädagogik und beschäftigt sich somit mit ganz grundsätzlichen Fragen der Pädagogik, was man der umfangreichen Vortrags- und Publikationsliste entnehmen kann. Wenn man jetzt annehmen würde, dass die Digitalisierung mittlerweile auch ein grundsätzliches Thema geworden ist, wurde man enttäuscht. Rekus gab den Oberlehrer und tat alles Digitale mit einer Mischung aus Ignoranz und Arroganz ab (als Randnotiz: Er sprach konsequent von MOKs, und nicht von MOOCs, wobei es ja auch nicht LOP, sondern LOOP heißt).

Für mich ist diese Elfenbeinturm-Einstellung sehr bedenklich für die Bildungswissenschaft (zu der ich ja auch gehöre), aber das ist ein anderes Thema:=) Rekus stellte mit seinem Vortrag die Weichen sehr eindeutig in Richtung der radikalen Anti-Digtalstimmung, die sich über den gesamten Tag zog. Dementsprechend kamen mir auch (leise) Zweifel, was mich später (mein Vortrag war im letzten Block ab 15 Uhr angesetzt), erwarten wird. Meine Vorahnungen sollten noch übertroffen werden.

Es ging erstmal weiter mit Abwehrthemen, wie der Mediensucht und einem Programm zur Medienprävention. Das sind auf jeden Fall wichtige und unterstützenswerte Themen. Meine Kritik geht auch gar nicht gegen diese oder andere Projekte, sondern gegen die Art, wie diese für die Tagung future iii instrumentalisiert wurden. Das Netz wird als Popanz des Bösen aufgebaut, vor dem wir die Kinder unbedingt zu schützen haben.

Irgendwann war ich dann an der Reihe und es sollte ein denkwürdiges Ereignis werden. Doch der Reihe nach. Ich ließ die Hosen runter und offenbarte meinen Trojaner, dass ich über etwas völlig anderes reden würde, was angekündigt wurde. Das kam auch zu Beginn gut an und ich hatte die Lacher auf meiner Seite. Doch spätestens als ich zur Kritik an Manfred Spitzer ausholte, kippte die gute Stimmung. Ich hatte es nämlich gewagt, den Säulenheiligen öffentlich zu kritisieren. Dass es mir (wieder) nicht ausschließlich um die Inhalte, sondern um die Art, wie Spitzer sein Narrativ „digitale Demenz“ aufbaut, ging, wurde verdrängt. Mein anderer Angriffspunkt war Jörg Dräger mit seinem Narrativ „digitale Bildungsrevolution“.  Hier gab es bezeichnenderweise überhaupt keine Kritik an meiner Kritik.

Nach dem Ende der Session (mit weiteren Vorträgen von Jörn Loviscach und Ralf Lankau) kam es dann zur Frage-und-Antwort-Runde, die in meinem Fall eher einem Tribunal glich. Es wurde eine regelrechte Inquisition zu meiner Person (meinen Werten und meinem Standpunkt) veranstaltet, die mich an meine Anhörung zur Kriegsdienstverweigerung bei der Bundeswehr erinnerte. Mir wurde im Verlauf des Verhörs auch vorgeworfen, mich mit dem militärisch-industriellen-Komplex bzw. der Bertelsmann Stiftung gemein zu machen. Spätestens hier fiel ich vom Glauben ab, da ich in meinem Vortrag detailliert meine Auseinandersetzung mit eben dieser Stiftung im Rahmen meines Artikels „Die erfundene Revolution“ ausführte.

Hört man mir also nicht zu? Nein, ich denke, dass einige Teilnehmer/innen meine Haltung des offenen Umgangs mit der Digitalisierung gepaart mit einer großen Portion Kritik nicht verarbeiten können. Es passt nicht ins Weltbild des bösen, überwachungsgeilen, manipulativen Internets. Wenn ich dann Projekte wie den MOOC „Aussprachetraining für syrische Deutschlerner“ vorstelle oder auf die Philosophie von OER eingehe, gibt es dafür keine Kategorien. D.h. es ist anscheinend nicht möglich, dies als etwas Positives zu verbuchen, weil dadurch das eigene Weltbild in Frage gestellt werden müsste. In der Psychologie nennt man das übrigens kognitive Dissonanz.

Auch mein Schlusswort „Sapere aude!“ konnte so nicht seine Wirkung entfalten und es blieb für mich ein durchwachsener Eindruck der Tagung. So fand ich es gut, dass sich die GBW dem Diskurs überhaupt stellt. Weniger gut finde ich, dass oft sehr persönlich und nicht sachlich diskutiert wurde. Dennoch wurde mir durch vereinzelte Wortbeiträge deutlich, dass ich mit meiner Kritik am Diskurs „digitale Bildung“ – es dominieren die lauten Spitzers und Drägers und nicht die vielen kleinen, tollen Medienprojekte – doch nicht so ganz falsch lag.

Warum ich offen publizieren sollte – ein Plädoyer zum Elften Hochschuldidaktiktag (Uni Siegen) „Die Neue Offenheit – Perspektiven und Potentiale offener Bildungsressourcen“

hier mein Text für das Plädoyer morgen zum Elften Hochschuldidaktiktag „Die Neue Offenheit – Perspektiven und Potentiale offener Bildungsressourcen“

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Mittlerweile ist auch das Video online.

 


Warum sollte ich offen publizieren?

Ein Plädoyer von Markus Deimann | Institut für Lerndienstleistungen, FH Lübeck

Vorgetragen zum Elften Hochschuldidaktiktag

Die Neue Offenheit – Perspektiven und Potentiale offener Bildungsressourcen“

Universität Siegen

13.Oktober 2016

Als am 11. Januar 2013 in einem Apartment in Brooklyn, New York, die Leiche von Aaron Swartz gefunden wurde, fand damit nicht nur ein Leben viel zu früh sein Ende – Aaron wurde nur 26 Jahre alt – , sondern es ging auch einer der konsequentesten Aktivisten für freies Wissen von uns. Insbesondere seine Aktion, als er zwischen Ende 2010 und Anfang 2011 eine sehr große Anzahl wissenschaftlicher Fachartikel aus der Onlinedatenbank JSTOR downloadede, sorgte für große mediale Aufmerksamkeit. Aaron Swartz hatte sich mit einer Industrie angelegt, die bislang eher unbemerkt, die Grundlagen der Wissensgesellschaft bestimmte. Digitale Datenbestände wie JSTOR bieten zwar Zugang zu Wissen, dies aber exklusiv für ein zahlungskräftiges Klientel wie Bibliotheken oder Universitäten. Somit sind Menschen ohne direkten Zugang zu diesen Institutionen ausgeschlossen bzw. auf illegale Angebote angewiesen.

Ist das nicht ein paradoxer Zustand? Leben wir nicht seit vielen Jahren in einer Gesellschaft, die sich gerne mit den Präfixen Wissens-, Netzwerk oder Information schmückt? Ist Wissen nicht der neue Superstoff, der für wirtschaftliche Prosperität, gesellschaftlichen Wohlstand und individuelles Glück sorgen soll?

Allerdings gibt es seit 2001 eine Bewegung, mit der die große Erzählung unserer Wissensgesellschaft herausgefordert wird. Damals begann nämlich das MIT, also eine überaus renommierte Institutionen damit, ihre Kurse inklusive der begleitenden Lehr-/Lernmaterialien frei ins Internet zu stellen. Frei meint dabei nicht nur kostenfrei, sondern frei von Schutzrechten. Denn seit 2004 nutzt das OpenCourseWare Netzwerk, das aus der MIT Initiative hervorging, die CreativeCommons Lizenz. Damit wird an einen alten, heute aber vergessenen Diskurs angeschlossen.

Als 1996 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos John Perry Barlow die Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace veröffentlichte, skizzierte er auch einen radikalen Bruch mit der analogen Welt:

Cyberspace consists of transactions, relationships, and thought itself, arrayed like a standing wave in the web of our communications. Ours is a world that is both everywhere and nowhere, but it is not where bodies live.

We are creating a world that all may enter without privilege or prejudice accorded by race, economic power, military force, or station of birth.

We are creating a world where anyone, anywhere may express his or her beliefs, no matter how singular, without fear of being coerced into silence or conformity.

Your legal concepts of property, expression, identity, movement, and context do not apply to us. They are all based on matter, and there is no matter here.“

So utopisch diese Zeilen heute angesichts der geballten Diskurs- und Gestaltungsmacht von Google, Amazon, Facebook und co auch klingen mögen, sie weisen auf ein großes Freiheitsversprechen des Internets hin. Dieses Freiheitsversprechen gilt auch heute noch. Es liegt an uns allen, es wahr werden zu lassen. Meiner Meinung nach gibt es sogar eine moralische Verpflichtung dafür. Immanuel Kant formulierte im Kategorischen Imperativ:

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Als Wissensarbeiter/in sowie als aufgeklärter Bürger/Bürgerin der Wissensgesellschaft sind wir auf möglichst unbeschränkten Zugang zu Informationen angewiesen. Nur so können wir uns ausgewogen eine Meinung bilden und ein Netzwerk mit Gleichgesinnten aufbauen, dass uns hilft, der wahnsinnigen Informationsflut durch kluge Filter Herr zu werden.

Auch scheint durch die jüngst angekündigte Open Access Strategie des BMBF angezeigt, dass eine Verpflichtung zum Teilen legitim ist. Auch wenn von einigen bereits vom Staatsautoritarismus schwadroniert wird, steigt der Konsens, dass offen zugängliches Wissen nicht nur ein nettes, philanthropisches Add-On ist, sondern eine konstitutive Bedingung der digitalen Gesellschaft.

Es gibt somit gute moralische und bildungspolitische Gründe, offen zu publizieren. Tatsächlich wäre eine Wissensgesellschaft, die den Zugang zu Informationen aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen einschränkt, geradezu absurd. So brach 2014 beispielsweise die Universität Konstanz die Verhandlungen mit dem Verlag Elsevier wegen ständig steigender Preise ab. Und auf der Webseite Cost of Knowledge haben bislang 16344 Wissenschaftler/innen ihren Protest gegen Elsevier zum Ausdruck gebracht.

Wir brauchen aber mehr als Online Proteste, wir brauchen eine gelebte Praxis der Offenheit. Wir brauchen das Bewusstsein für die Notwendigkeit des offenen Zugangs. Wir brauchen den Mut, sich den ökonomisch Regierungsformen des Publish or Perrish, der uns zwingt in geschlossenen High Impact Journals zu publizieren, zu widersetzen.

Wir sollten die neue Offenheit auch in die Universität hineintragen, denn ohne unser Zutun wird sich diese Institutionen nicht einfach verändern. Das mussten auch die Bill Gates und Sebastian Thruns am eigenen Leib erfahren, als sie vollmundig das Ende der Universität ausriefen. Warum das so ist, liegt an der grundlegenden Verfassung der Hochschule. Sie baut nämlich auf einem Wahrheits- und nicht auf einem ökonomischen Code auf. So kollidieren Versuche, die Offenheit kommerziell auszunutzen mit dem Wahrheitscode. Offenheit stellt nämlich auch einen Wert an und für sich dar. Ich denke sogar, dass wir einen neuen Code definieren können, den Offenheitscode. Dieser kann beispielsweise für den Zugang zu Informationen oder Institutionen angewendet werden. Ganz grob lässt sich der Offenheitscode in den Ausprägungen hoch, mittel und gering unterscheiden. Er hilft Universitäten dabei, ein eigenes Verständnis bzw. eine eigene Strategie im Hinblick auf die Herausforderungen der Digitalisierung zu entwickeln. Er hilft ihnen auch dabei, ihr Selbstverständnis und ihre Mission kritisch zu überdenken, ohne reflexartig in den Chor der disruptiven Innovator/innen einzustimmen. Ein Beispiel für ein solch reflektiertes Vorgehen – Sie gestatten mir sicher diesen Werbeblock – ist das Institut für Lerndienstleistungen an der FH Lübeck. Wir entwickeln offen zugängliche MOOCs als Instrument für mehr Durchlässigkeit zwischen der beruflichen und akademischen Bildung. Es geht dabei um die Öffnung der Hochschule für nicht-traditionelle Studierende. Ein wichtiger Baustein dafür sind die Open Educational Ressources, die bei der Produktion der MOOCs entstehen und danach für jedermann/jedefrau frei nutz- und veränderbar ins Netz gestellt werden.

Ich hoffe sehr, dass es die Venture Capitalists, die finanzstarken Stiftungen und die innovationswillige, oft aber konzeptarme Bildungspolitik nicht schaffen, das zarte Pflänzchen der neuen Offenheit so als Marketinghype auszuschlachten, dass am Ende nur noch Enttäuschung zurückbleibt.

Wir alle sind aufgerufen, den Diskurs mitzubestimmen und mitzugestalten. Sapere aude!

Call for Participation: Wir sammeln gemeinsam positive Beispiele für digitale Bildung, mit denen ich bei den radikalen Skeptiker/innen überzeugen will

Liebe Community,

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am 22.10.2016 bin ich für einen Vortrag für die Tagung future iii der Gesellschaft für Bildung in Wissen in Offenburg eingeladen und möchte einen Versuch wagen. Dabei geht es um das Motto „Practice what you preach“ – Openness gepredigt und gelebt.

Um das zu verstehen, muss man den Hintergrund und den Kontext der Tagung bzw. der sie veranstaltenden Gesellschaft kennen. Bildung und Wissen geht sehr kritisch mit der Digitalisierung um, was am Thema der letztjährigen Tagung „digitaltechnik zwischen freiheitsversprechen und totalüberwachung“ (es ist absichtlich alles klein geschrieben, aus welchem Grund auch immer), klar gemacht wird.

Kritik finde ich – und wer mich kennt, weiß das auch – sehr wichtig für die Debatten zu Bildung, Offenheit und Digitalisierung. Bei der Tagung letztes Jahr ging es jedoch sehr polemisch, etwa mit unsachlichen Angriffen auf bestimmte Personen aus der Bertelsmann Stiftung zu.  Auch schien Digitalisierung fast ausschließlich mit Dystopie gleichgesetzt und der Diskurs kreiste einseitig um die Themen Überwachung, Kontrolle, Manipulation etc. Nochmal, mir geht es nicht darum, dies zu relativieren oder gar zu negieren, sondern eine Alternative, ein anderes Narrativ zu entwickeln.

Mein Vortrag soll Open Education behandeln, welche Themen dies sind, will ich hier sammeln, um dann daraus eine erzählbare Geschichte zu machen. Dabei sollen auch meine Erfahrungen mit diesem Call for Participation eine Rolle spielen.

Nun zur konkreten Beteiligung:

Ich suche nach Themen, Ideen, Ansätzen, Projekten etc, die ein positives Bild von Digitalisierung im Zusammenhang mit Openness zeichnen. Es soll um die damit verbundenen Werthaltungen gehen, so wie etwa OER mit einer Kultur des Teilens oder cMOOCs mit einem offenen Lernereignis verbunden sind. Also weniger Produkte und mehr Prozesse. Gerne auch mit konkreten Beispielen, mit denen der Wert illustriert wird.

Vorschläge, egal welcher Art und wie umfangreich, bitte in die Kommentare hier, in die Google Slides, oder per Twitter.

 

==Update==

Auf dem 1. FernUniCamp habe ich einen kurzen Input zur Aktion gemacht.