Regenerative Bildung #100DaysToOffload

Nachdem es in den letzen #100DaysToOffload-Beiträgen um die Mikro-Ebene des Bildungssystems ging, soll es heute um das „Bigger Picture“ und den Blick nach vorne, in eine post-COVID-19-Zeit gehen.

Dazu habe ich mir den Fortschrittsbericht „Futures of Education. Learning to Become“, den eine internationale, von der UNESCO eingesetzte Kommission vorgelegt hat, angesehen.

Um es gleich vorwegzunehmen, die Kommission fordert eine fundamentale Veränderung unsers Denkens über Bildung, die Bildungspraktiken und die Bildungspolitik. Es braucht aber nicht nur ein neues, anderes Denken, sondern einen neuen Gesellschaftsvertrag der Bildung (S. 11), damit Bildung als öffentliches Gut, das allen in der Gesellschaft zu steht, gewährleistet wird. Darüberhinaus ist das Vertrags-Update wichtig, da sich die Bedingungen, unter denen die Gesellschaft organisiert ist verändert haben und durch die COVID-19-Pandemie wird deutlich, dass es nun an vielen Stellen im Prozess „knirscht“. Ging es bei dem traditionellen Gesellschaftsvertrag noch darum, Schule als Institution für die Erziehung der Kinder zu etablieren, um damit den Erwachsenen Zeit für die Erwerbsarbeit zu geben, wirkt sich die starke Regulierung der Schule aktuell für viele Menschen negativ aus.

Wie Bildung und deren institutionelle Verankerung nun anders gedacht werden können, verdeutlicht der Bericht mit einigen Leitperspektiven:

  • Schule und Hochschule in die Mitte der Gesellschaft stellen und sie zur Partizipation in Städten und in der „Bürgerschaft“ (Civitas) ermutigen
  • eine Rückbesinnung auf die Bedeutung der Lehre und des Unterrichtens; gerade angesichts des enormen Drucks der von der Digitalisierung und KI in Form von Learning Analytics und Intelligenten Tutoriellen Systemen aufgebaut wird und von Wirtschaft und Politik weiter befeuert wird: Tutoring und Coaching reicht nicht aus für gute Bildung. Seit vielen Jahren schon arbeitet sich der Bildungsphilosoph Gert Biesta an der „Learnification“ der Bildung ab und macht sich für die Revitalisierung der Arbeit von Lehrenden stark. Während große Organisationen wie die UNESCO sich über viele Jahre für das Lernen als dominante Form von Bildung aussprachen, was sich in Diskursen rund um life-long-learning oder student-centred-learning ausdrückte und es außerdem einen globalen Trend vom „Teaching to Learning“ gab, scheint es nun zu einem Umdenken zu kommen.
  • die zentrale Bedeutung der Humanität für die Bildung; zu dem gerade angesprochenen Umdenken bei der Bildung in Form von einer angedeuteten Gleichberechtigung von Lehre und Lernen gehört auch die Gleichberechtigung von Technologie und Natur. Das ist eine Position, die seit vielen Jahren von der Strömung des Posthumanismus vertreten wird und eine kritische Haltung zu technologischen Versprechungen fordert. Dazu heißt es im UNESCO-Bericht: „To continue the current course is to be awed by the promises of technology and to fail to address the risks accompanying the transformations of which we are a part.“

Aus diesen allgemeinen Überlegungen werden Konsequenzen für die Governance von Bildung abgleitet und unter dem Stichwort „inclusive educational ecosystems“ diskutiert. Bildung wird dabei sowohl als Tätigkeit als auch als Haltung verstanden, wobei es um das gemeinsame Denken und den Wissensaustausch sowie um die gegenseitigen Erfahrungen geht. Ohne es direkt zu erwähnen, sind offene Bildungsressourcen (OER) eine wichtige Grundlage für diese Visionen.

Es sollte wenig überraschen, dass es grundlegende Veränderungen braucht, um solche Visionen Realität werden zu lassen. So sind beispielsweise die Schulen in der COVID-19-Pandemie ein Spielball der Politik geworden, wobei das Personal und die Schüler:innen scheinbar hilflos der Hoheitsgewalt des Staates unterworfen sind. Von einem inklusiven Ökosystem mit Schnittstellen in die Zivilgesellschaft ist da wenig zu sehen.

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