Open Education als digitales Panoptikum: Zu den Grenzen pädagogischer Transparenz

(Beitrag eingereicht angenommen für die OER14 Konferenz in Berlin)

Hier werde ich in der kommenden Zeit meinen Beitrag ausarbeiten und für den Vortrag vorbereiten. Kommentare sind stets erwünscht:)

Abstract

Open Education ist auf dem Weg zum Mainstream – so lässt sich durch Publikationen wie dem Whitepaper „OER für Schulen in Deutschland“, der Benchmark-Studie „Open Education in Berlin“  oder der geplanten Stellungnahme der Kultusministerkonferenz schlussfolgern.

Bereits seit über 10 Jahren arbeiten Organisationen wie die UNESCO an der Verbreitung von OER. Begründet wird das Engagement durch den Grundsatz „Bildung ist ein Menschenrecht und der Schlüssel zu individueller und gesellschaftlicher Entwicklung“ (Butcher, Malina, & Neumann, 2013, S. 4) sowie den Möglichkeiten von OER: „Urheber von Bildungsmaterialien stellen diese unter einer offenen Lizenz zur Verfügung und ermöglichen den Nutzern damit den kostenlosen Zugang und die kostenlose Nutzung, Bearbeitung und Weitergabe der Materialien, ohne oder mit nur geringfügigen Einschränkungen“ (ebenda). Die humanistische Perspektive (Bildung als Menschenrecht) legitimiert somit einen normativen Handlungsauftrag, der sich sowohl auf die kollektive (für das Öffnen von verkrusteten Bildungsstrukturen; „Opening up Education“) als auch auf die individuelle Ebene auswirkt (für das Teilen; „Sharing is caring“). Was auf den ersten Blick als ein vielversprechendes Projekt zum Vorteil der gesamten Menschheit erscheint, entpuppt sich bei genauerer Analyse als ambivalenter bzw. dialektischer Prozess (vgl. Horkheimer & Adorno, 1969).

So wird beispielsweise durch das „Google-Urteil“ des Europäischen Gerichtshofs EuGH deutlich, dass es auch eine Kehrseite der Transparenz gibt, was in Bezug auf das Persönlichkeitsrecht als „Recht auf Vergessen“ diskutiert wird. Daraus folgt die Einsicht: „Informationen sind nicht neutral und Transparenz nicht kontextlos wertvoll“ (Wampfler, 2014). Denn während auf der einen Seite ein unbeschränkter Zugang zu Informationen und kulturellen Ressourcen die notwendige und hinreichende Bedingung für Bildung darstellt, ergeben sich damit auf der anderen Seite eine Reihe moralischer Implikationen (z.B. ist es gerechtfertigt, dass Lernende zur Veröffentlichung ihrer Materialien verpflichtet werden?). Wir haben es somit mit einem Spannungsfeld zwischen Öffnung und Ausgrenzung zu tun, das aus einer komplexen Machtstruktur entsteht.

Der vorliegende Beitrag analysiert diese Machtstrukturen vor dem Hintergrund der philosophischen Positionen von (1) Michel Foucault – Disziplinargesellschaft (1994), (2) Gilles Deleuze – Kontrollgesellschaft (1993) und (3) Byung-Chul Han – Transparenzgesellschaft (2012) und diskutiert die pädagogischen Implikationen.

Literatur

  • Deleuze, G. (1993). Unterhandlungen 1972-1990. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Foucault, M. (1994). Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Han, B.-C. (2012). Transparenzgesellschaft. Berlin: Matthes & Seitz.
  • Horkheimer, M., & Adorno, T. (1969). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: Fischer.

 Vorbereitung der Thesen

Name Kontext Thesen Bedeutung für OE
Deleuze
Foucault
Han

 

 

 

 

 

MOOCs und Open Education Week

Zwei Veranstaltungen im März zum Thema MOOCs und Open Education, die ich kurz erwähnen möchte:

Im Rahmen der Open Education Week 2014, veranstaltet vom OpenCourseWare Consortium, um weltweit Projekte, Initiativen und Entwicklungen rund um Open Education zu präsentieren, stellten Anja Wagner und ich unsere Open Education Reihe auf ununi.tv vor.

Wenige Tage später war ich dann bei der CeBIT bei der Podiumsdiskussion “Future Talks” zum Thema “MOOCs – Hype or Hope”.  Es ergab sich eine kurzweilige, spannende Debatte und das obwohl wir auf englisch diskutieren mussten (oder war es gerade deswegen?). Ich vertrat dabei die These, dass MOOCs ein komplett neues Phänomen sind und dass es gefährlich ist, sie in eine Traditionslinie (z.B. der Fernlehre oder des E-Learning) zu stecken. Man wird durch eine solche Lesart blind und tut Entwicklung als “alten Wein in neuen Schläuchen” ab.

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Das Podium beim Future Talks “MOOCs Hype or Hope” (Foto: Anne Fuhrmann)

 

Digitale Bildung – was war und wo kann es hingehen?

In der letzten Woche war ich für zwei Vorträge eingeladen, um über das Thema MOOCs und digitale Bildung zu sprechen.

Für die Ringvorlesung “Medienkulturen – Medientheorien – Medienpädagogik”  nahm ich die implizite und explizite Dramaturgie von MOOCs genauer unter die Lupe:

“Massive Open Online Courses (MOOCs) sind mit solcher Wucht auf die Bildungslandschaft eingeschlagen, dass kaum jemand daran vorbei kommt. Gerade auch die Massenmedien berichten in zunehmenden Ausmaß über die MOOCs, so dass viele neue Aktuere angezogen werden. Die Botschaft ist ja auch so einfach und überzeugend: Kostenfreie, hochwertige Bildung für alle ohne Zugangsbeschränkungen. Das klingt doch nachgerade wie die Verwirklichung eines humanistischen Traums. Ohne viel Aufwand kann nun jedermann und jedefrau sich online die Vorlesungen berühmter ProfessorInnen anschauen, bequem den Wissenszuwachs überprüfen und bekommt am Ende auch noch ein Zertifikat dafür. Klingt alles sehr überzeugend, oder? Der Vortrag wirft vor diesem Hintergrund einen Blick hinter die Kulissen und versucht die implizite Dramaturgie zu entschlüsseln. Dabei geht es dann um moralische/bildungsphilosophische Implikationen und die Frage der Chancengleichheit.”

Neben der Gegenüberstellung von x- und cMOOCs und den damit verbundenen Ansprüchen, ging es mir darum aufzuzeigen, dass:

  • xMOOCs getreu dem Motto “the medium is the message” Bildungspraxis auf eine ganz bestimmte Art vor-formattieren, die im krassen Gegensatz zur Idee der cMOOCs “Web als offener digitaler Kulturraum” steht
  • MOOCs sich immer wieder neu “erfinden” können und keineswegs immer von der Coursera/Udacity/Iversity-Stange kommen müssen, wie der MOOC der Universität Hildesheim zeigt.
  • MOOCs zunehmend zum Gegenstand politischer und ökonomischer Verteilungskämpfe werden. Damit verbunden ist die Gefahr, dass Bildungskonzepte zu sehr nach dem engen xMOOC Narrativ angelehnt und andere Formen digitaler Bildung vernachlässigt werden

In der anschließenden Diskussion wurde mir klar, dass meine zum Teil polemisch ausgerichtete Kritik der xMOOCs (“Aufstieg und Fall einer Bildungsutopie), dargestellt an der Person Sebastian Thrun den Blick auf Ungleichheiten und Schwachstellen der alternativen Konzepte (cMOOCs) verstellt.

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Zwei Tage später durfte ich dann den Festvortrag zur Feier “Ein Jahr Regionalzentrum Karlsruhe” halten.

Hier ging es mir um das “Bigger Picutre” des Zusammenspiels von Technik und Bildung. Dazu behandelte ich zwei Ebenen:

  1. evolutionäre Entwicklung von Technologien, die sich als kontinuierlich, dem Fortschritts-Mantra “besser & schneller” folgend beschreiben lässt
  2. Auftreten und Verschwinden der Argumentationsfigur “Befreiung der Bildung durch Technologien”, die sich als diskontinuierlich, mit Brüchen und Wiederaufnahmen beschreiben lässt.

Zu Gast beim Info-Radio RBB: Gute Vorsätze einhalten – Sache der Motivation?

Das Neue Jahr ist noch keine zwei Tage alt, Zeit also noch sich seiner Vorsätze zu besinnen. Doch wie formuliere ich Vorsätze überhaupt so, dass ich im März/April nicht (wieder) frustriert feststelle, dass das doch nicht so geklappt hat?

Dazu gab ich dem Info-Radio RBB ein kurzes Interview, das hier nachgelesen und nachgehört werden kann.

MOOCs in Deutschland – (endlich) angekommen?

Am Ende eines Jahres, das durchzogen war vom Ankommen und Ausbreiten des MOOC-Hypes, veranstaltete die zentrale E-Learning Einrichtung der Universität Frankfurt ein Fachforum, gefolgt von einem Barcamp (in Kooperation mit der MOOC-Beratung). Eine wie ich finde wichtige Veranstaltung, um die verschiedenen Diskussionen zu bündeln und einen aktuellen Stand zu erarbeiten: Wo stehen wir in Deutschland Ende 2013 mit den MOOCS?

Während in den USA von verschiedenen Medien (NY Times, Forbes) bereits ein Abgesang auf MOOCs stattfindet – nicht zuletzt angetrieben durch die Selbstbekenntnis von Sebastian Thrun “We have a lousy product” – ist man in Deutschland noch in der Euphoriephase. Allerdings machte bereits der Eröffnungsvortrag von Jörn Loviscach deutlich, dass viele der großen Versprechungen (kostengünstige, qualitativ hochwertige Bildung für alle, besonders für weniger privilegierte Personen) sich nicht so recht erfüllen lassen. Schuld daran ist der sog. Matthäus-Effekt (“Dem der hat, wird gegeben”), d.h. erfolgreiche Teilnahme im MOOC ist an Bedingungen und Voraussetzungen geknüpft und zwar an solche, die viele aus der Zielgruppe gar nicht haben. Ich habe diesen Punkt am Ende der Tagung nochmals aufgegriffen und mit Bourdieu theoretisch unterfüttert und hier weiter ausgeführt.

Die Botschaft, dass MOOCs, die “einfach” so aufgesetzt werden und dann an ein massenhaftes Publikum verteilt werden, im Sinne der klassischen One-To-Many Kommunikation, voraussetzungslos funktionieren, scheint nun angekommen zu sein. Daher ist es erfreulich zu sehen, dass Universitäten wie die Uni Mainz sich an eine Digitalisierungsstrategie machen, die neben Vorlesungsaufzeichnungen auch eine Reihe von MOOCs enthält. Denn nur dann, wenn MOOCs von Hochschulleitungen ernst genommen werden, besteht die Chance, dass sie in digitale Bildungsformen überführt werden.

Genau das war dann Schwerpunkt der Vorträge vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und vom CHE, die ein Forum für die Digitalisierung der Hochschulbildung ankündigten (Start 2014). Das ist schon mal ein wichtiger Schritt, da er Druck aufbaut, sich mit dem Thema auf einer strategischen Ebene auseinanderzusetzen. Auf der anderen Seite sind mit der “Top-Down-Verordnung Digitalisierung der Hochschulbildung” auch Gefahren verbunden. So z.B. dass man zu sehr auf bestimmte Schwerpunktthemen (Big Data, Learner Analytics) setzt und dabei den Blick auf “hybride Entwicklungen” verliert. So kamen dann im Vortrag des CHE einige Ed-Tech Lösungen vor, z.B. Degreed die mit einer eigenen (Silicon Valley) Logik operieren. Noch ist unklar, inwieweit solche Anwendungen auf die notwendige Medienkompetenz der BenutzerInnen treffen, denn nur dann, machen diese “Lösungen” Sinn.

Insgesamt machte das Fachforum deutlich, dass MOOCs ein sehr vielschichtiges Phänomen sind, das sich lohnt, von verschiedenen Perspektiven (Ökonomie, Soziologie, Bildungstheorie) genauer zu betrachten. MOOCs werden sich in Zukunft deutlich weiter ausdifferenzieren (mehr als nur c und xMOOCs). Hochschulen sind aufgerufen, sich damit zu befassen, auch um dem Techno-Optimismus (Morozov lässt grüßen) ein Gegengewicht (akademische Tradition) zu bieten.

Update

Mittlerweile ist die Aufzeichnung meines Vortrags “The Dark Side of the MOOC” online verfügbar.

 

 

The dark side of the MOOC

The dark side of the MOOC – Eine Hochschule für alle?

so lautet der Titel meines Vortrags, den ich gestern bei der DAAD-Leitertagung (Leiterinnen und Leiter der Akademischen Auslandsämter und Auslandsbeauftragten der deutschen Hochschulen) in Bonn gehalten habe. Es ging dabei um “Hochschule 2.0: Die Internationalisierung der deutschen Hochschulen im Zeichen virtueller Lehr- und Lernszenarien”. Ich habe den Vortrag anhand von zwei Thesen aufgebaut.

These I: Hinter dem gegenwärtigen Hype um Massive Open Online Courses (MOOCs) liegt eine tiefsitzende Unsicherheit im Umgang mit den Herausforderungen der Digitalisierung des Bildungssystems.

Die Unsicherheit wird ausgelöst durch das Narrativ “Education is broken”, d.h. die Annahme, Hochschulen sind nicht länger in der Lage, Menschen angemessen auf die Herausforderungen und Bedingungen des flexiblen, globalisierten Arbeitsmarkts vorzubereiten. Die Universität entstammt einer anderen kulturellen Epoche, die nur noch wenig mit der heutigen Zeit gemein hat. Dank beständig anhaltender technischer Innovationen können wir Lehre und Lernen viel besser, da effizienter, interaktiver und kollaborativer machen. Wir brauchen dazu “nur” neue Lehr/Lermethoden (“Lernen 2.0″). Für mich ergibt sich dabei eher der Eindruck, dass die Bildung(swissenschaft) zur Erfüllungsgehilfin degradiert wird, die wie die Scheibe Käse/Schinken auf einem Brötchen eingedrückt wird durch die Trends Anforderungen des Arbeitsmarkts und digitale Technologien.

Deutlich wird dies am gegenwärtigen MOOC Hype, der wie Phönix aus der Asche über uns zu kommen scheint. Tsunami, Lawine und ähnliche Metaphern werden gebraucht, um die überwältigende, revolutionäre Kraft dieser Innovation zu verdeutlichen. Mit der Öffnung von regulären Uni-Kursen wurde ProfessorInnen auf einmal bewusst, dass sie weit mehr Menschen erreichen können, als regulär zugelassen werden. Das ist so nicht länger hinzunehmen, die Hochschulen haben versagt und so warf Sebastian Thrun demonstrativ das Handtuch und gründete das Start-up Udacity. Andere taten es ihm gleich und so entstand ein globaler MOOC-Markt. Auch die Bildungspolitik mischt sich kräftig ein, versprechen MOOCs gleich mehrere Lösungen für lange aufgeschobenen Probleme (überfüllte Hörsäle, geringe Mobilität der Studierenden).

These 2: MOOCs und Open Education wirken sowohl befreiend als auch unterdrückend/ausgrenzend.

Nun sind MOOCs keineswegs nur “Murks”, wie auch kürzlich in einem Streitgespräch mit dem Iversity Mitgründer Hannes Klöpper klarmachte. Man sollte jedoch genauer hinschauen, ob die Argumentation “MOOCs als wirksames Mittel, kostengünstig, hochwertige Bildung für alle zugänglich zu machen” so einfach funktioniert. Ich denke, sie ist an Bedingungen geknüpft, was die Voraussetzungen der Lernenden betrifft. In einer vor mehr als vierzig Jahren durchgeführten, großangelegten Studien fanden Bourdieu & Passeron heraus, dass Hochschulbildung ein bestimmtes kulturelles Kapital voraussetzen. Die Autoren forschten damals zur Zeit der Bildungsexpansion als viele neue (Reform-)Hochschulen gegründet wurden, verbunden mit dem Ziel, auch Arbeiterkindern Zugang zur Universität zu verschaffen. Der Erfolg an der Hochschule, so konnten Bourdieu und Passeron zeigen, ist jedoch an Bedingungen geknüpft, die mit der Zeit vor der Hochschule zusammenhängen: Je nachdem in welchem kulturellen und sozialen Milieu man aufwächst. Chancengleichheit wird damit zur Illusion.

Für MOOCs trifft das ebenfalls zu, gerade dann, wenn Sie, wie in den USA der Fall, den Geist elitärer Hochschulen atmen. MOOCs sind dann das digitale Äquivalent zu Seminaren und Vorlesungen an renommierten Hochschulen, die einen ganz eigenen Habitus voraussetzen.

Als Beleg für diese These lässt sich das Debakel mit der Einführung von MOOCs an der San Jose State University (SJSU) heranführen. SJSU ist eine Universität mit sehr vielen Studierenden unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Um ihre Kompetenzen für ein wissenschaftliches Studium zu erhöhen, pilotierte die SJSU zusammen mit Udacity einen Mathematik MOOC. Die Ergebnisse zweier Evaluationen waren ernüchternd bzw. gerade noch zufriedenstellend. Die Ironie an der Geschichte ist, dass Udacity CEO Sebastian Thrun den Studierenden die Schuld dafür in die Schuhe schob und dabei wohl vergaß, dass das Experiment überhaupt erst deswegen und von der Politik vehement gefordert, gestartet wurde. Der Versuch wurde schließlich eingestellt.

Wichtig ist es daher, sich mögliche Ausgrenzungen bewusst zu machen, die durch einseitige Lehrpraktiken entstehen können. Soziale Inklusion ist an Bedingungen geknüpft, d.h. mit einem MOOC lassen sich nicht immer “Massen” erreichen, sondern eine klar definierte Zielgruppe, die dann von den eingesetzten Methoden auch profitieren kann. Mit dem MOOC “Entdecke die Insel der Forschung” haben wir in diesem Sommer an der FernUniversität in Hagen versucht, in dieser Weise vorzugehen. Angesprochen waren, alle die Schwierigkeiten mit dem Thema “wissenschaftliches Arbeiten” haben. Neben der Bereitschaft, sich auf Offenheit (cMOOC) einzulassen, war es auch das Format, mit konkreten, forschungsbezogenen Aufgaben zu arbeiten, das den Mehrwert des MOOCs ausmachte.

Zusammenfassend bleibt damit die Forderung, MOOCs nicht zu einseitig, als revolutionäre Lösung vieler Probleme zu verkaufen, sondern als Bildungsexperiment, das an bestimmte Voraussetzungen gekoppelt ist, die genauer in den Blick genommen werden müssen.

MOOCs oder Murks?! Thesen zum Streitgespräch #OERde13

Im Nachgang zur #OERde13 (siehe dazu auch unseren Beitrag zur FernUniversität) hier nochmals meine Thesen zum Streitgespräch mit Hannes Klöpper von iversity. (Hier gibt es zum “Live” Streitgespräch eine Dokumentation.)

Massive Open Online Courses (MOOC) sind eines der aktuell am meisten und kontrovers diskutierten Themen im digitalen Bildungsbereich. Daher will ich mich nicht weiter mit der Vorrede (dafür gibt es hier eine lesenswerte Zusammenstellung der MOOC-Geschichte) aufhalten und direkt mit meinen Thesen einsteigen.

Es besteht zur Zeit noch ein erheblicher Gegensatz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Kommerzielle MOOC-Anbieter übertrumpfen sich regelrecht mit Heilsversprechungen zur Wirkung digitaler offener Bildungsangebote:

  • iversity: “Diesen Herbst beginnt das Online-Studium für alle! Wir bringen die Hochschullehre ins digitale Zeitalter. Mit unseren Kursen wird Online-Lehre interaktiv, kollaborativ und weltweit frei verfügbar.”
  • Coursera: “Coursera is an education company that partners with the top universities and organizations in the world to offer courses online for anyone to take, for free. Our technology enables our partners to teach millions of students rather than hundreds. We envision a future where everyone has access to a world-class education that has so far been available to a select few. We aim to empower people with education that will improve their lives, the lives of their families, and the communities they live in.”
  • Udacity: “Our mission is to bring accessible, affordable, engaging, and highly effective higher education to the world. We believe that higher education is a basic human right, and we seek to empower our students to advance their education and careers.”

Die Logik ist simpel und daher wohl auch so überzeugend. Denn wer kann schon ernsthaft etwas gegen das Argument “kostenfreie, qualitativ hochwertige Bildung für alle Menschen auf der Erde durch modernste Technologien” haben? Doch die Frage ist keineswegs rein rhetorischer Natur und so lohnt sich ein Blick hinter die Kulissen.

MOOCs vernachlässigen die Förderung digitaler Medienkompetenz und damit einen entscheidenden Erfolgsfaktor.                                                                                                                   Für meine Argumentation möchte ich auf die Debatte um die hohen Dropout-Quoten bei MOOCs zurückgreifen. Auch mir ist klar, wie von vielen Beobachtern angemahnt, dass die Zahlen differenziert interpretiert werden müssen. Damit lässt sich aber auch folgern, dass ungenügende Medienkompetenz mitverantwortlich für die geringen Erfolgsraten ist. Denn wer überhaupt nicht über die Möglichkeiten verfügt, MOOCs nach eigenen Bedürfnissen zu nutzen, kann auch nicht als differenzierter MOOC NutzerIn bezeichnet werden.

Ich plädiere daher für eine stärkere Berücksichtigung der Medienkompetenz, im Sinne eines Lernens “How to MOOC” (so wie es der gleichnamige MOOC vorgemacht hat) als Erweiterung zur aktuell stark geförderten Output-Orientierung. Ein anderes, aktuelles Beispiel, das zeigt, wie Medienkompetenz im MOOC berücksichtigt werden kann, liefert Khosrow Ghadiri, Professor an der San Jose State University. Sobald der Dozent merkte, dass die Lernhandlungen nicht den in der Technologie eingeschriebenen Erwartungen entsprachen, änderte er das Format. So z.B. wurden Videos in kleinere Häppchen unterteilt und dann gemeinsam besprochen. Ghardiri prägte dafür den Ausdruck “Talking Textbook”.

Die Legitimation von MOOCs is broken                                                                                                 MOOCs bekommen nicht nur wegen dem vermeintlich überwältigenden Vorteil (“kostengünstige, qualitativ hochwertige Bildung für die Massen”) zur Zeit enorm Aufmerksamkeit, sondern auch wegen dem damit konstruierten Narrativ “Education is broken“. Damit gemeint ist, dass das gegenwärtige Bildungssystem durch seine chronische Unterfinanzierung immer weniger in der Lage ist, Menschen den Herausforderungen der digitalen Gesellschaft entsprechend vorzubereiten. Zu welchen Möglichkeiten Technik heute fähig ist, zeigten u.a. Sebastian Thrun und Peter Novrveig in ihrem 100.000 Studierenden Klassenzimmer. Da die Universität anscheinend nicht in der Lage ist, solche und andere Dinge öfter zu realisieren, musste ein Start-up her. So entstanden die großen Zwei (Udacity und Coursera), die zusammen mit edX und neuerdings auch Google einen MOOC-Markt bilden. Doch damit nicht genug, denn in immer größerem Maß schaltet sich nun auch die Politik ein. Sowohl in Kalifornien wie auch in Florida gab es Pläne, MOOC-Credits äquivalent zu Credits in regulären Lehrveranstaltungen zu werten. Damit haben wir ein klassisches public-private-Partnership (PPP), d.h. das Bildungssystem wird nun mit einem System gekoppelt, das investierte Budgets wieder einspielen soll und im besten Fall Gewinn abwirft.

Der demokratisch legitimierte und staatlich überwachte und durchgeführte Bildungsauftrag wird damit, um in der Logik von “Education is broken” zu bleiben, selbst gebrochen. Zu welchen Konsequenzen das führen kann, zeigt der Fall von Mitchell Duneier, einst als “Starprofessor” von den Medien gefeiert. Als er angefragt wurde, seine MOOC-Kurse für andere Universitäten als “Blended Learning” zu lizenzieren, lehnte er dankend ab:

“I think that it’s an excuse for state legislatures to cut funding to state universities,” he said. “And I guess that I’m really uncomfortable being part of a movement that’s going to get its revenue in that way. And I also have serious doubts about whether or not using a course like mine in that way would be pedagogically effective.”

Klar ist, dass kommerziell ausgerichtete MOOCs Geld, das für hochwertig erstellte und kostenlos angebotene Kurse benötigt wird, erwirtschaften müssen. Nur sollte dabei die Eigenlogik des Bildungssystem nicht vernachlässigt bzw. missachtet werden. Daher halte ich auch die von Clay Shirky postulierte Analogie von MP3 und MOOCs für falsch.

Ähnliches gilt für die Tsunami-These, wonach MOOCs die den eisernen Elfenbeinturm der Universität einreißen und damit endlich auch Bildung für die weniger Privilegierten anbieten. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich auch diese Argumentation als unvollständig, denn es sind gerade die finanzstarken US-Hochschulen der sog. Ivy-League, die mit der Befreiungsrhetorik auftrumpfen. Für Alastair Creelman sind MOOCs daher mehr ein Gletscher als ein Tsunami:

There’s a lot happening in education today and MOOCs are just one of many important new elements being experimented with. They’re all part of the glacier but I don’t believe that one element will lead to real change. The MOOC concept will fade into something else and we’ll see plenty of tsunami scares before we finally realize that change is more organic and less dramatic but the effects will be radical.

Update vom 23.09.2013

Mit dem Projekt #PB21 “Web 2.0 in der Politischen Bildung” habe ich während der OER13 ein kurzes Interview zu meinen beiden Vorträgen geführt. Dazu ist nun dieser Podcast erschienen.