Zum Start des MOOC #iddg13: Technikgläubigkeit in der Pädagogik

Heute geht es los mit dem MOOC zur digitalen Gesellschaft an der FernUniversität in Hagen. Thema der ersten Woche ist der sagenumwobene “Homo Zappiens”, der sich nun auch an die Hochschule verirrt hat. Was ist damit gemeint und warum sollte die Hochschule sich damit auseinandersetzen?

Wie es für einen “ordentlichen” MOOC üblich ist, gibt es dazu auch einen Impulsvortrag. Damit soll die Diskussion gestartet werden verbunden mit dem Aufruf zur Entwicklung von Szenarien für die Zukunft des Lehrens und Lernens. Das ist eine spannende Aufgabe, da die Zukunft irgendwie immer offener wird (Postmoderne), gleichzeitig scheint jedoch auch die Technik immer wichtiger zu werden, daher sprechen wir ja von einer “Digitalen Gesellschaft”. Gerade der letztgenannte Punkt, d.h. die zunehmende Abhängigkeit von Technik – so jedenfalls nehme ich es wahr – sollte meiner Meinung nach stärker hinterfragt werden.

Dazu gibt es einen sehr lesenswerten Artikel von Edward C. Hamilton und Norm Friesen mit dem Titel “Online Education: A Science and Technology Studies Perspective“. Die Autoren unterscheiden darin zwei Verwendungsweisen wie Technik im pädagogischen Diskurs, besonders im Zusammenhang von “E-Learning”, verwendet wird:

  1. Essentialistische Verwendung: Technik wird als unabhängige und eigenständige “Kraft” gesehen und steht vor der Umsetzung bestimmter pädagogischer Prinzipien. Charakteristisch ist die Annahme, dass Technik bestimmte, abstrakte Prinzipien beinhaltet, die sich bei der Implementierung in konkreten pädagogischen Settings “automatisch” auf die beteiligten Personen übertragen. So beispielsweise “konstruktivistische Lernumgebungen”, die unabhängig von der konkreten Situation die gewünschten Ziele erreichen. Problematisch an dieser Position ist der Glaube, wonach Technik bestimmte pädagogische Werte besitzt, denn damit lässt sich Technik für alle erdenklichen Zwecke einsetzen, ohne genauer zu prüfen, ob die Voraussetzungen und Begleitumstände dafür stimmen.
  2. Instrumentelle Verwendung: Technik wird hier an bestimmte pädagogische Zwecke (Inhalte vermitteln, Wissen überprüfen etc.) gekoppelt und soll diese “umsetzen”. D.h. es wird zunächst mithilfe einer pädagogischen Theorie ein bestimmtes Ziel identifiziert und dann nach einer bestimmten technischen Lösung gesucht, wie diese zu erreichen ist. Technik wird damit instrumentalisiert, also dem pädagogischen Ziel untergeordnet und steht im Gegensatz zur ersten, essentialistischen, Position.

Mir hat diese Unterscheidung bei der Beurteilung des aktuellen MOOC-Hypes geholfen. Man hört sehr oft von der Forderung, dass sich traditionelle Lehr- und Lernmethoden, die seit langer Zeit an der Hochschule verwendet werden, radikal ändern müssen, weil wir jetzt ganz neue technische Möglichkeiten haben. So z.B. Peter Norvig in seinem TED TALK “The 100,000-student classroom”.

Warum eigentlich?

Genauer betrachtet handelt es sich hier um eine essentialistische Position, d.h. es wird angenommen, Technik sei so mächtig, dass sich alles andere und damit auch die Pädagogik daran orientieren müsse. Daher “müssen” wir ja auch dringend angestaubte Methoden wie die Vorlesung zugunsten innovativer Verfahren wie “Flipped Classroom” abschaffen.

Hilfreicher wäre es meiner Meinung nach jedoch, genauer zu prüfen, welche Methoden mit welcher Form der Technik am Besten umgesetzt werden könnte, ohne ungeprüft die Überlegenheit einer Komponente (Technik > Pädagogik; Pädagogik > Technik) zu unterstellen.

Warum sich das Fernstudium nicht einer “Generation Facebook” anbiedern sollte

Die aktuelle Ausgabe der Süddeutschen Zeitung beinhaltet eine Beilage zum Thema Fernstudium. Dort antwortet der Präsident des Forums DistancE-Learning in einem Interview auf die Frage, ob das Fernstudium mehr auf die Bedürfnisse Jüngerer zugeschnitten werden sollte, folgendes:

“Ja. Gerade für junge Menschen ist es heute normal, Wissen über das Internet zu konsumieren. Anstatt einen Kochkurs zu machen, stöbern sie in Online-Rezepte-Sammlungen oder schauen sich eine Anleitung auf Youtube an. Das Fernstudium hat sich dem Lernverhalten der “Generation Facebook” angepasst.”

Ich halte eine solche Äußerung für sehr problematisch, was ich nun genauer erläutern möchte.

Der Begriff “Generation Facebook” ist ein Widerspruch in sich. Facebook hat seit Oktober 2012  über 1 Milliarde NutzerInnen weltweit, wobei sich die Verteilung über alle Alterskohorten erstreckt, wie auf dieser Grafik zu erkennen ist. Eine Generation zeichnet sich jedoch als “Gesamtheit der Angehörigen einer bestimmten Altersstufe” (Quelle) aus. Darum gibt es ja eine “Nachkriegsgeneration”.

Erstaunlicherweise (zumindest für das Forum DistancE-Learning) kehren jedoch immer mehr jüngere (sic!) NutzerInnen Facebook den Rücken, wie z.B. hier oder hier vermeldet wird. Damit zeichnet sich ein Trend der Vergreisung von sozialen Netzwerken ab.

Das eigentliche Ärgernis bei der Anbiederung an eine “Generation Facebook” liegt für mich jedoch darin, dass damit die lange Tradition der akademischen Fernlehre, so gibt es beispielsweise die FernUniversität in Hagen seit 1974, völlig ignoriert bzw. sogar abgewertet wird. Wie ich in diesem Vortrag gezeigt habe, entwickelte sich eine eigene Didaktik der Fernlehre, die sich deutlich von der Didaktik der Präsenzlehre unterscheidet. Dazu gehört z.B. die “Helfende Organisation”, in Form von Studienzentren, die Studierenden fachliche Betreuung und Unterstützung zu organisatorischen Fragen bietet.

Mit dem Aufkommen des WWW und spätestens seit dem Start sozialer Netzwerke betsteht die Gefahr, dass die augeklügelten Fernlehrmodelle zugunsten einer vermeintlichen Eigenlogik sozialer Netze aufgeben werden. So sagt auch der Präsident des Forums DistancE-Learning, dass es heute normal wäre, dass junge Menschen via Facebook Wissen “konsumieren” – wobei mir hier nicht ganz klar ist, wie Wissen konsumiert werden kann, aber das ist ein anderer Punkt.

Die aktuelle Entwicklung, auf die in diesem Interview allerdings gar nicht eingegangen wird, geht in eine ähnlich Richtung: Die rasante Verbreitung kostenfreier Massenkurse (MOOCs), entwickelt von US-amerikanischen “Elite-Universitäten” und angeboten auf Plattformen wie Coursera oder Udacity setzt Präsenz- wie auch Fernhochschulen gewaltig unter Druck. So hat Coursera aktuell schon über 3 Millionen Nutzer, die sich zuvor vielleicht eher an einer traditionellen Universität eingeschrieben hätten. Auch hier könnte eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln helfen, sich vom aktuellen MOOC-Hype abzusetzen und das eigene Angebot zu stärken (siehe dazu diesen Beitrag).

Aber wahrscheinlich erleben wir wohl eher bald die Proklamation der “Generation MOOC”…

Abschlussbericht der 7.Initiative des Co:llaboraty

Nun ist er endlich fertig geworden, der Abschlussbericht der 7.Initiative “Initiative Lernen in der digitalen Gesellschaft – offen, vernetzt, integrativ” des Thinktanks Co:llaboratory. Als einer von 35 Expertinnen und Experten arbeitete ich seit Oktober 2012 im Bereich Open Educational Resources (OER). Unser zentrales Ziel war Aufklärung darüber zu schaffen, inwieweit das gegenwärtige Bildungssytem von OER profitieren kann. Dazu sind u.a. zwei Videos entstanden:

  • Gesprächsrunde zum Thema “Offenes Wissen mit Open Access und Open Educational Resources” (Video und Blogposting dazu gibt es hier)
  • Gesprächsrunde zu “OER und Aufklärung” (hier gibt es das Material)

Schließlich half ich mit bei der Produktion eines Streitgesprächs zu Massive Open Online Courses (MOOCs): Hype oder Heilsbringer? Das Gespräch gibt es als schriftliches Interview von Hannes Klöpper und mir (Interviewerin war Kristin Narr) sowie als “richtige” Debatte, die am letzten Montag in Berlin stattfand (moderiert von Jöran Muuß.Merholz). Bei heise.de gibt es dazu auch schon einen kleinen Bericht.

Mir hat die Mitarbeit in der Initiative sehr viel Spaß gemacht, insbesondere auch da sich einige interessante Kontakte ergaben. Die Zusammenarbeit war sehr engagiert und man merkte, dass alle ein gutes Produkt erstellen wollten. Hier gibt es den gesamten Bericht sowie weiterführende Informationen.

Update vom 18.04.2013

Mittlerweile steht das Streitgespräch als Video online zur Verfügung

 

 

Zu Gast bei SWR2 Wissen – Lernen im Internet

Recht früh am Samstag morgen um 8:30 Uhr sendete SWR2 eine neue Ausgabe des Magazins “Wissen”, diesmal zum Thema “Lernen im Internet”. Ich durfte meine Einschätzungen zur aktuellen Entwicklung, so auch zu den berühmt berüchtigten MOOCs, beisteuern.

Wie bedeutsam die Digitalisierung für das Lernen und Lehren geworden ist, zeigte die Sendung mit einem Streifzug über alle Bildungsinstitutionen, vom Kindergarten bis zur Hochschule.

Zum Nachhören gibt es hier den Mitschnitt sowie das Manuskript.

Wanderer zwischen den Welten

In meiner Arbeit zur bildungswissenschaftlichen Einordnung von Open Education (hier eine zusammenfassende Dokumentation) komme ich mir seit längerer Zeit wie ein Wanderer zwischen den Welten vor. Denn da ist zum einen die sehr euphorisch und praktisch ausgerichtete OER-Community, die ich auf Konferenzen wie OCW12 in Cambridge erlebt habe und auf der anderen Seite die arrivierte Gemeinschaft der wissenschaftlich arbeitenden PädagogInnen.

Heute hatte ich Gelegenheit, die Gepflogenheiten der Bildungstheoretiker hautnah mitzuerleben, war ich doch als Referent auf der 7. Fachtagung der Internationalen Herbart-Gesellschaft, die den schönen Titel “Einheimische Begriffe” und Disziplinentwicklung trug. Bereits beim Ankommen in Essen konnte ich die Reaktionen auf meinen Vortrag antizipieren, denn größtenteils befanden sich alteingesessene ProfessorInnen im Publikum (darunter z.B. der berühmte Dietrich Benner), die zum Teil von ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begleitet wurden. Wie sich dann aber zeigen sollte, waren die Reaktionen etwas anders.

Ich begann in meinem Vortrag (Folien sind weiter unten zu finden) mit einer längeren Einführung der Open Education Bewegung, um dann aufzuzeigen, mit welchen bildungstheoretischen Denkfiguren daran gearbeitet werden kann. Zum einen machte ich deutlich, dass OER komplementär zum Humboldtschen Bildungsideal stehen, da sie fundamentalen Voraussetzungen für Bildungsprozesse liefern (Recht zur unbeschränkten Nutzung, Wiederverwertung und Weitergabe). Zum wies ich darauf hin, dass es beim Navigieren durch offene, digitale und komplexe Räume (MOOCs im eigentlichen Sinn) zu Transformationen der grundlegenden Figurationen des Welt- und Selbstverhältnisses kommen kann, wie sie von Marotzki und Koller beschrieben werden.

Leider war die zeitliche Taktung der Tagung nicht optimal und so kamen nach mir erst zwei Referenten zu Wort, die über ganz andere Themen sprachen. Für die eigentliche Diskussion war dann auch nur 10 Minuten Zeit, in der ich aber immerhin eine gute Rückmeldung bekam (was 50% Ausbeute bedeutete). Insgesamt damit eine für mich lehrreiche Erfahrung bzw. eine weitere Station auf meiner Wanderung zwischen den Welten.

What´s behind Open Education? My insights at the Open Education Week

Last week, OCW initiative held the “Week of Open Education” to discuss and showcase projects and ideas around Open Education. This topic has recently grew enormously, thanks to the MOOC hype – last week the prestigious “nature” had devoted an article to MOOCs – which seems to blur the perception and thus the understanding of what MOOCs can do and how society might benefit from it.

Since then, I have been skeptical about the claims that have been attributed to MOOCs, in particular when it comes to their pedagogical value. A down-to-earth analysis is hindered by the tremendous expectations which are mostly triggered by the big M, i.e. the masses that can be reached with a MOOC. This is to the detriment of the O(penness) as discussed here:

“perhaps what we really need to think about is less of the “m” and more of the “o”. In other words concentrate on developing and sharing open practice and resources and in turn open courses/content which meet specific institutional aims. As we all know there are many variations of open.”

Against this background, I have hosted a webinar to provide a broader frame of Open Education. Thus, I start not with MOOCs but with a historical account of the earlier movement in the 1960 and 1970ies. Then I shift to the “birth” of OER in 2001 and related developments such as Open Educational Practices. Having introduced this, MOOCs are better comprehensible because one can see that there was a history with certain beliefs and philosophical ideals behind. How those values have been changed during the course and what this means for the future of Open Education is also discussed in the session.

I greatly appreciate the feedback and comments during the session and the blog posting from the The Finnish Institute in London.

I hope you will enjoy my explorations of Open Education (record from my live presentation).

Offenes Wissen und OER: Eine Talkrunde

Zu Beginn dieser Woche war ich zu Gast bei einem Expertengespräch, veranstaltet von der Initiative Co:llaboratory zu Thema Offenes Wissen uns Offene Bildung. Zusammen mit Christian Heise von der Leuphana Universität Lüneburg diskutierten wir die Bedeutung von Open Access und OER für das Wissenschafts- und das Bildungssystem.

Nicht nur wir, sondern immer mehr Menschen wundern sich über den Irrsinn der doppelten Finanzierung bei der Produktion und Distribution wissenschaftlichen Wissens:

  1. WissenschaflterInnen produzieren während Ihrer Arbeitszeit an einer Hochschule wissenschaftliches Wissen, das über öffentliche Gelder (Steuern) finanziert wird. Leider kann dieses Wissen oftmals nicht direkt an die Gesellschaft zurückgegeben werden, denn
  2. WissenschaftlerInnen müssen um voranzukommen in hochkarätigen Journalen publizieren. Leider bekommen sie für ihr Manuskript nichts (außer symbolischem Kapital). Stattdessen werden die Rechte am Text an den Verlag abgetreten.
  3. Damit dieses Wissen nun endlich an die Öffentlichkeit treten kann und damit auch andere WissenschaftlerInnen damit arbeiten können, kaufen Hochschulbibliotheken die Aufsätze durch Abonnements zurück und zwar zu horrenden Preisen, wie z.B. hier beschrieben wird.

Welche Alternativen es dazu gibt und welche Bedeutung OER für das Bildungssystem haben, besprechen wir anschließend. Das Video gibt es hier:

Update

Gestern war ich zum zweiten Mal zu Gast bei einer Talkrunde. Diesmal ging es um “OER und Aufklärung”, also die Frage, wie mehr Menschen von der Idee OER begeistert werden können. Damit diese missionarische Aufgabe auch gelingt, hatten wir mit Jörg Lohrer einen echten Profi mit dabei. Schließlich arbeitet er für rpi-virtuell,  einer religionspädagogischen Internetplattform.

Es ging dann weniger religiös, dafür aufklärerisch zu Werke.