Die Gespenster der Digitalen Bildung

Mein Vortrag im Rahmen des Hagener Forschungsdialogs der FernUniversität in Hagen liegt nun schon 14 Tage zurück und ist bereits in verschiedenen medialen Kanälen aufbereitet worden:

Das Video der nachträglichen Vortragsaufzeichnung auf YouTube

Die Folien auf Slideshare

und der Bericht der Pressestelle der FernUniversität in Hagen

http://www.fernuni-hagen.de/universitaet/aktuelles/2014/11/24_am_markus_deimann_spricht_ueber_digitale_bildung.shtml

Podiumsdiskussion mit den Piraten NRW

Im Nachgang zur OER 2014 Konferenz in Berlin folgte eine Einladung der Piratenpartei NRW zu eben diesem Thema. Am Mittwoch Abend war es dann soweit, um mit Sebastian Seitz (Technologiestiftung Berlin), Simon Koehl (serlo.org) und Matthias Bock (Fachreferent im Landtag von Nordrhein-Westfalen) mit der freien Sprachkonferenzsoftware Mumble eine Podiumsdiskussion zu machen. Unsere Gastgeber waren sehr gut vorbereitet und so konnten wir in 110 Minuten eine Reihe von zentralen OER-Aspekten (Qualitätskontrolle, OER in der Schule und Hochschule) behandeln.

Der Mitschnitt zur Diskussion findet sich hier.

Vielen Dank nochmals an die Piraten NRW für die tolle Moderation und das fundierte Wissen, das ihr in die Diskussion eingebracht habt.

Zu Gast beim #e20MOOC zu Social Media Guidelines

In der letzten Woche war ich zu Gast beim #e20MOOC Enterprise 2.0 und durfte mit dem Rechtsanawalt Carsten Ulbricht das Thema Social Media Guidelines diskutieren. Im Vorfeld hatte ich etwas Bedenken, dass sich dadurch ein starker Schwerpunkt auf juristische (Detail-)Fragen ergeben könnte. Tatsächlich entwickelte sich dann ein Gespräch auf einer breiten Ebene, wobei es neben den juristischen Thema Urheberrecht um das bildungsphilosophische Thema Offenheit, mit dem ich mich seit einiger Zeit beschäftige, ging.

Auf die Frage, wie denn Social Media Guidelines denn nun konkret ausgestaltet sein sollten, antworteten wir mit “möglichst konstruktiver dialog-orientierter Prozess mit vielen Beteiligten”. Guidelines sollten weder zu detailliert (da abschreckend), noch zu allgemein (da vage sein). Hilfreich sind tatsächliche Fälle, bei denen es zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen wegen Social Media gekommen ist.

Insgesamt ein für mich spannendes und anregendes Gespräch, das zeigte wie facettenreich das auf den ersten Blick vielleicht schmale Thema doch ist.

Danke nochmals an Wilke Riesenbeck für die tolle Moderation.

Rückblick zur #OERde14

Zwei Tage OERde14 sind nun gerade zu Ende gegangen und hier sind meine Eindrücke. Insgesamt eine toll organisierte und von Jöran vorbildlich moderierte Veranstaltung in der schönen Urania.

In der Opening Keynote ging Dirk Van Damme von der OECD auf die fundamentale Bedeutung von OER für den Wandel von Gesellschaft ein, auch wenn seine Argumentation etwas neoliberal überformt war. Dennoch ein guter Einstieg in die Tagung, von der ich mir auch erhoffte, konkrete Ansatzpunkte und Beispiele für diese transformatorische bzw. katalysatorische Wirkung von OER zu bekommen.

In den Barcamps wurde eifrig diskutiert und auch einige gute Idee, wie z.B. die Zusammenarbeit von Hochschulbibliotheken und IT-Einrichtungen angerissen. Im Unterschied zum letzten Jahr gab es aber für meinen Geschmack zu wenig Praxiserfahrung (so wie damals mit Bezug auf Niederlande und Belgien), von denen wir lernen könnten. Stattdessen wurde nochmals die Potentiale für Schule und Hochschule aufgegriffen, was zeigt, dass es noch eine ganze Zeit dauern wird, bis die nächste “Entwicklungsstufe” erreicht ist.

Als positives Signal steht für mich das Bündnis Freie Bildung, das feierlich bekannt gemacht wurde. In einer kleinen Arbeitssitzung wurde der Aktivismus (das ist rein positiv gemeint) spürbar, den es braucht, um OER voranzubringen.

Mit meinen beiden Talks bin ich sehr zufrieden und fühle mich bestärkt, meine kritische Forschung weiter voranzutreiben. Hier eine kurzer Einstieg ins Thema der bildungsphilosophischen Analyse von Open Education:

Interview mit Dr. Markus Deimann from kooperative-berlin on Vimeo.

Und die Folien der Vorträge

 

Mitgezeichnet: Stellungnahme zur “Digitalen Agenda 2014-2017″

Heute hat das Bundeskabinett die “Digitale Agenda” auf einer Pressekonferenz vorgestellt.  Inhaltlich geht es vor allem um technische Infrastruktur (“Breitbandausbau”) und wirtschaftliche Aspekte (“Industrie 4.0). Unter Punkt 5 findet sich dann “Bildung, Forschung, Wissenschaft, Kultur und Medien”, was jedoch eher mager ausgeführt ist.

Das Bündnis Freie Bildung hat das zum Anlass genommen, eine eigene Stellungsnahme zu veröffentlichen. Diese habe ich mitgezeichnet und gebe den Inhalt hier nochmals wider.


 

 

Stellungnahme des Bündnis Freie Bildung zur heute vorgestellten „Digitalen Agenda“ von CDU/CSU und SPD

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Bündnis Freie Bildung (BFB), eine Vereinigung von Organisationen und Personen, die die Idee freier und offener Lehr- und Lernmaterialien (Open Educational Resources oder OER) in Gesellschaft und Politik fördert, begrüßt grundsätzlich die Ziele und programmatischen Äußerungen der Bundesregierung in der heute vorgelegten „Digitalen Agenda“. Das Bündnis schließt sich der Auffassung der Bundesregierung an, dass Wissenschaft, Bildung und Forschung eine herausgehobene Rolle zukommt, da viele digitale Innovationen in diesen Bereichen entwickelt und/oder zuerst eingesetzt werden.

Beim Übergang in die Wissensgesellschaft steht Deutschland vor der Herausforderung einer alternden Gesellschaft und eines eklatanten Fachkräftemangels. Bei gleichzeitig sinkenden finanziellen Mitteln müssen Bildungsressourcen effizienter und gerechter eingesetzt werden. Open Educational Resources sind Lehr- und Lernmaterialien, die – wie die Wikipedia – offen zugänglich sind sowie von allen bearbeitet, weiterentwickelt und weitergegeben werden dürfen. OER bedeuten Zugang zu Wissen und Beteiligung durch alle und führen damit zu mehr Chancengerechtigkeit. OER ist ein Mittel zu effizienterer und demokratischerer Bildung. Unter anderem teilen die UNESCO, die EU Kommission sowie die OECD diese Forderungen.

Leider stellen wir fest, dass die Agenda bisher den Themenbereich der freien und offenen (digitalen) Lehr- und Lernmaterialien gänzlich auslässt. Wir bedauern sehr, dass im Gegensatz zum Koalitionsvertrag das Thema Schulbücher und andere Lehr- und Lernmaterialen unter der Verwendung freier Lizenzen und Formatein der “Digitalen Agenda” keine Berücksichtigung mehr findet. Die unklare Ankündigung, “die Potenziale für Wissenschaft, Forschung und Bildung voll zu nutzen und dafür die urheberrechtlich zulässige Nutzung von geschützten Inhalten zu diesen Zwecken zu verbessern”, reicht hier bei weitem nicht aus. Im Koalitionsvertrag hatte sich die Bundesregierung noch deutlich zu offenen Lehr- und Lernmaterialien bekannt: “Die digitale Lehrmittelfreiheit muss gemeinsam mit den Ländern gestärkt werden. (…) Schulbücher und Lehrmaterial auch an Hochschulen sollen, soweit möglich, frei zugänglich sein, die Verwendung freier Lizenzen und Formate ausgebaut werden.”

Die Bundesregierung macht an vielen Stellen deutlich, dass die Digitale Agenda nicht der Abschluss, sondern der Beginn der Konkretisierung von Maßnahmenpaketen ist. Daher bitten wir um die zukünftige Berücksichtigung dieses Themenbereichs. Wir möchten auch dafür werben, dass sich die Bundesregierung im Rahmen ihrer Digitalpolitik weiterhin klar für freie und offene Lizenzen in der Bildung und Lehre einsetzt.

Wir verweisen in diesem Zusammenhang exemplarisch auf die folgenden Dokumente und Handlungsempfehlungen:

Bei Anmerkungen oder Rückfragen sowie für den weiteren Austausch, stehen wir Ihnen sehr gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen,
Vertreter des Bündnis Freie Bildung

Christian Heise, Open Knowledge Foundation Deutschland e.V | Centre for Digital Cultures
André J. Spang, Kaiserin Augusta Schule | SchulWiki Köln
Dr. Sandra Schön, BIMS e.V. | Salzburg Research Forschungsgesellschaft
Jan Neumann, Hochschulbibliothekszentrum des Landes Nordrhein-Westfalen
Simon Köhl, Gesellschaft für freie Bildung e. V.
Kristin Narr, Internet & Gesellschaft Collaboratory e.V.
Dr. Markus Deimann, FernUniversität in Hagen
Sebastian Horndasch, Wikimedia Deutschland e.V.
Jöran Muuß-Merholz, open-educational-resources.de – Transferstelle für OER
Sebastian Seitz, Technologiestiftung Berlin
Felix Schaumburg
Ole Wintermann
Monika Fischer

 

Rezension zu “Bildung statt Bologna!”

Der Erziehungswissenschaftler und Präsident der Universität Hamburg Dieter Lenzen legt mit der gerade veröffentlichten Streitschrift “Bildung statt Bologna!” einen “notwendigen, längst überfälligen Beitrag zur Bildungsdebatte in Deutschland” (Klappentext) vor. In einem alarmistischen Duktus wird die Ausgangslage wie folgt beschrieben:

Die europäische Hochschulreform ist in Deutschland katastrophal gescheitert. Studenten hetzen von Prüfung zu Prüfung, erwerben Schmalspurwissen und sind menschlich unvorbereitet, wenn sie auf den Arbeitsmarkt kommen. (Klappentext)

In drei Kapiteln (Bologna: Vom Scheitern einer Reform, Was ist Bildung? Die Zukunft universitärer Bildung) soll eine “Besinnung über die besinnungslose Umsetzung eines europäischen Reformgedankens an den deutschsprachigen Universitäten” (S.7) erreicht werden, die helfen soll, das Ziel “allgemeine Persönlichkeitsbildung und Menschenbildung durch Wissenschaft wieder einen gleichrangigen Stellenwert neben der Ausbildung für ein berufliches Leben einzuräumen” (ebenda).

Im Vorwort findet sich dann eine Art Selbstvergewisserung: “Dieser Essay soll nicht die x-te Bologna Schelte sein” (S.7), die wohl zum Lesen motivieren soll, gleichzeitig aber hohe Erwartungen weckt.

Im ersten Kapitel wird nochmals der Entstehungs- und Entwicklungsprozess der Bologna-Reform als “translantische Fehlsteuerung” rekonstruiert. Hier kam es zur zentralen Bedeutungsverschiebung von der Input- zur Outputsteuerung, mit dem Ziel der Förderung der Beschäftigungsfähigkeit durch möglichst einheitliche, qualitätsgesicherte Standards.

Da mit der Bologna-Reform viele akademische Traditionen in ihr Gegenteil gewendet wurden, erscheint es nur logisch, wenn Lenzen im zweiten Kapitel den Säulenheilligen der deutschen Bildungsgeschichte, Wilhelm von Humboldt, heranzieht und deutlich macht, wie umfangreich die Reformbemühungen (u.a. Gründung der Berliner Universität) waren. Allerdings hielt es Humboldt nicht lange auf seinem neuen Posten und er zog sich für private sprachphilosophische Studien zurück. Damit blieb seine Reform fragmentarisch und stand bald im Kampf mit einer “kopflosen Modernisierung im Zuge der beginnenden Industrialisierung” (S.44). Das fundamentale Prinzip “Bildung durch Wissenschaft” und die strenge Trennung zwischen Allgemeinbildung und fachspezifischer Ausbildung wurden zunehmend ausgehöhlt. Für Lenzen sind die sozio-historischen Umstände jedoch eher von nachgeordneter Bedeutung. Stattdessen haben wir “(…) die Möglichkeit, dafür zu kämpfen, dass die Universität wieder zu einer reinen Bildungsinstitution wird, die sich der Berufsausbildung konsequent verweigert” (S. 79)

Im abschließenden dritten Kapitel greift der Autor diese Forderung wieder auf und präzisiert sie ein wenig in Richtung eines einjährigen Universitätskolleg, das dem Bachelorstudium vorzuschalten sei. Eine andere Möglichkeit wäre die Zeit des BA zu verlängern, um  dann parallel dazu einen “wissenschaftlich allgemeinbildenden Teil” (S. 84) laufen zu lassen. Leicht wird dies nicht, das ist Lenzen auch klar, dennoch hält er an dem “Konzept einer nachhaltigen Wissenschaft und nachhaltigen Universität” (S. 101) fest, wobei unklar bleibt, was genau damit gemeint ist.

Somit hinterlässt das Buch einen ambivalenten Eindruck: Einerseits überzeugt es durch eine fundierte Analyse der Entstehung und Entwicklung des Bologna-Prozesses und einer guten Zusammenfassung des Humboldtschen Bildungsbegriffs. Wenn es dann aber daran geht, beides zusammen zu denken und es vor allem es im Hinblick auf die Digitalisierung weiter zu entwickeln, bleiben die Aussagen bei Leerformeln wie “Nachhaltigkeit” stecken.