Warum sich das Fernstudium nicht einer „Generation Facebook“ anbiedern sollte

Die aktuelle Ausgabe der Süddeutschen Zeitung beinhaltet eine Beilage zum Thema Fernstudium. Dort antwortet der Präsident des Forums DistancE-Learning in einem Interview auf die Frage, ob das Fernstudium mehr auf die Bedürfnisse Jüngerer zugeschnitten werden sollte, folgendes:

„Ja. Gerade für junge Menschen ist es heute normal, Wissen über das Internet zu konsumieren. Anstatt einen Kochkurs zu machen, stöbern sie in Online-Rezepte-Sammlungen oder schauen sich eine Anleitung auf Youtube an. Das Fernstudium hat sich dem Lernverhalten der „Generation Facebook“ angepasst.“

Ich halte eine solche Äußerung für sehr problematisch, was ich nun genauer erläutern möchte.

Der Begriff „Generation Facebook“ ist ein Widerspruch in sich. Facebook hat seit Oktober 2012  über 1 Milliarde NutzerInnen weltweit, wobei sich die Verteilung über alle Alterskohorten erstreckt, wie auf dieser Grafik zu erkennen ist. Eine Generation zeichnet sich jedoch als „Gesamtheit der Angehörigen einer bestimmten Altersstufe“ (Quelle) aus. Darum gibt es ja eine „Nachkriegsgeneration“.

Erstaunlicherweise (zumindest für das Forum DistancE-Learning) kehren jedoch immer mehr jüngere (sic!) NutzerInnen Facebook den Rücken, wie z.B. hier oder hier vermeldet wird. Damit zeichnet sich ein Trend der Vergreisung von sozialen Netzwerken ab.

Das eigentliche Ärgernis bei der Anbiederung an eine „Generation Facebook“ liegt für mich jedoch darin, dass damit die lange Tradition der akademischen Fernlehre, so gibt es beispielsweise die FernUniversität in Hagen seit 1974, völlig ignoriert bzw. sogar abgewertet wird. Wie ich in diesem Vortrag gezeigt habe, entwickelte sich eine eigene Didaktik der Fernlehre, die sich deutlich von der Didaktik der Präsenzlehre unterscheidet. Dazu gehört z.B. die „Helfende Organisation“, in Form von Studienzentren, die Studierenden fachliche Betreuung und Unterstützung zu organisatorischen Fragen bietet.

Mit dem Aufkommen des WWW und spätestens seit dem Start sozialer Netzwerke betsteht die Gefahr, dass die augeklügelten Fernlehrmodelle zugunsten einer vermeintlichen Eigenlogik sozialer Netze aufgeben werden. So sagt auch der Präsident des Forums DistancE-Learning, dass es heute normal wäre, dass junge Menschen via Facebook Wissen „konsumieren“ – wobei mir hier nicht ganz klar ist, wie Wissen konsumiert werden kann, aber das ist ein anderer Punkt.

Die aktuelle Entwicklung, auf die in diesem Interview allerdings gar nicht eingegangen wird, geht in eine ähnlich Richtung: Die rasante Verbreitung kostenfreier Massenkurse (MOOCs), entwickelt von US-amerikanischen „Elite-Universitäten“ und angeboten auf Plattformen wie Coursera oder Udacity setzt Präsenz- wie auch Fernhochschulen gewaltig unter Druck. So hat Coursera aktuell schon über 3 Millionen Nutzer, die sich zuvor vielleicht eher an einer traditionellen Universität eingeschrieben hätten. Auch hier könnte eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln helfen, sich vom aktuellen MOOC-Hype abzusetzen und das eigene Angebot zu stärken (siehe dazu diesen Beitrag).

Aber wahrscheinlich erleben wir wohl eher bald die Proklamation der „Generation MOOC“…

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6 Gedanken zu „Warum sich das Fernstudium nicht einer „Generation Facebook“ anbiedern sollte

  1. Pingback: Markus Deimann zur Bedeutung von Facebook und MOOCs für die Fernlehre

  2. Markus Jung

    Zum letzten Thema Ihres Beitrags (MOOCs) möchte ich kurz einen Eindruck schildern, der sich aus den Berichten von Fernstudenten auf dem von mir betreuten Fernstudium-Portal ergibt. Dort berichten viele Studierende in ihren Blogs davon, dass MOOCs für sie kein Ersatz für das akademische Fernstudium sind, sie aber gerne auf fachlich passende MOOCs als Ergänzung zu den Inhalten des Fernstudiums zurückgreifen, um sich den Themen des Studiums nochmal aus einer anderen Perspektive zu nähern, ähnlich wie dies durch zusätzliche Literatur der Fall ist.

    Ob dies so bleibt, insbesondere wenn für MOOCs häufiger auch ergänzenden Präsenz-Prüfungen etc. angeboten werden, bleibt natürlich abzuwarten. Aber kann es nicht auch sein, dass MOOCs die Fernlehre in manchen Bereichen ergänzen werden, um zum Beispiel einige ECTS-Punkte auf diesem Wege zu erhalten? Bei MOOCs (zumindest einigen, insbesondere wenn diese in Richtung cMOOC gehen) sehe ich vor allem den Vorteil, dass die Vernetzung der Studierenden und die gemeinsame Arbeit mehr in den Mittelpunkt gerückt werden, als dies in der „klassischen“ Fernlehre oft der Fall ist. In diesem Zusammenhang bin ich auch schon sehr gespannt, welche Erfahrungen die FernUni mit ihrem „internen MOOC“ machen wird.

    Antwort
    1. mdeimann Autor

      Der „interne“ MOOC ist als Studium generale gedacht und soll alle Studierende an digitale Werkzeuge heranführen und zur Diskussion aktueller Trends einladen. Wir werden dann noch einen zweiten „echten“ MOOC im Sommer zum Thema wissenschaftliches Arbeiten durchführen, der als eine Art Brückenkurs gedacht ist und Studierende fit für das Fernstudium machen soll. Dazu bald mehr hier.

      Antwort
      1. Markus Jung

        Auf den MOOC bin ich auch schon sehr gespannt – er könnte dann ja für aktive und künftige Fernstudenten (und auch Präsenzstudenten) ganz unterschiedlicher Hochschulen interessant werden – denn am wissenschaftlichen Arbeiten kommt im Studium ja keiner vorbei (zumindest sollte es so sein ;-)). Vielen Dank für diesen Ausblick.

  3. AnnaDecemana

    Hochschule, Fernakademie, cMOOC, xMooc, COER und was auch immer. Die Hauptsache ist, dass der Fahrplan stimmt und es vorwärts geht. Ich möchte einen Schaffner, der mir Auskunft gibt und Mitreisende erleben. Ob ich dann im Orient-Express oder im Transrapid reise, das bestimme ich selbst.
    Ein Alptraum wäre, wenn ich auf der nach unten fahrenden Rolltreppe stünde, aber nach oben möchte und der Zug gleich abfährt.

    Antwort
    1. mdeimann Autor

      Vielen Dank für den Kommentar und das schöne Bild mit der Rolltreppe. Ich hoffe auch sehr, dass die Fahrt eher nach oben als nach unten geht. Aber – um in Ihrem Bild zu bleiben – es auch so ist, dass manche vielleicht gar nicht in diesen Zug einsteigen möchten.

      Antwort

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