Die organisierte (A)Synchronität

Als ich mein Studium im Wintersemester 1995/96 an der Universität Mannheim in Erziehungswissenschaft und Politikwissenschaft (damals hieß das noch Magister Artium) begann, war ich gleichzeitig begeistert und überfordert von der akademischen Freiheit. Es war so ziemlich das Gegenteil, zum dem wie mich die Schule 13 Jahre lang sozialisiert hatte.

Pflichtbewusst besuchte ich dann Vorlesungen um 8:30 Uhr und nahm an Seminaren teil. Während die Vorlesung mich stark in den ehrfürchtigen Rezeptionsmodus versetzte (ein_e renommierte_r Professor_in gab kompetent Einführung in das Fach), war die Stimmung im Seminar sehr diskursiv. Es gab den vielgeprießenen Austausch auf Augenhöhe. Die Anforderungen waren hoch, es musste viel gelesen werden und wenn man das nicht tat, konnte man nur passiv den geistigen Höhenflügen seiner Kommiliton_innen folgen. Die Diskussionen mit den Professor_innen waren das, was mit am meisten am Studium begeisterte. Die Leistung der Universität bestand darin, genau das zu organisieren, die Synchronität, d.h. alle Studierenden kommen (mehr oder weniger) vorbereitet einmal die Woche zum Seminar.

Was es damals überhaupt nicht gab, waren Möglichkeiten zur asynchronen Vor- und Nachbereitung mit digitalen Werkzeugen. (Ja, ich hätte auf die Idee kommen können, die Diskussion im Seminar aufzuzeichnen.) Dafür arbeitet jede_r mit analogen Aufzeichnungen und mündlichen Überlieferungen, die in der Cafeteria gesammelt wurden.

Es ist daher auch schade, dass die Digitalisierung in der Bildung nur sehr zögerlich angegangen wird und wenn dann oft am Modell der Anreicherung orientiert, laut einer aktuellen Studie sind das 73% der Hochschulen. Statt Vorsicht wäre mehr Mut wichtig, die an der Kompetenz der Hochschulen zur organisierten (A)Synchronität ansetzen kann. Wie in den frühen cMOOCs gezeigt, lassen sich Menschen und Themen kreativ zusammenbringen und eine Dynamik entwickeln, die der diskursiven Kultur des Seminars nahe steht. Hier weiter zu experimentieren ist für mich genau das, was Hochschullehre ausmacht. Nur so kann auch aufgezeigt werden, was sich digital (sinnvoll) abbilden lässt und nicht durch das stetige mantrahafte Beschwören der digitalen Bildungsrevolution wie gerade wieder beim Bildungsgipfel EduAction.

 

 


Dies ist ein Beitrag zur „Blogparade: Was macht ein Hochschulstudium aus?“, initiiert von Oliver Tacke.

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5 Kommentare

  1. […] Mit Austausch hat auch der Beitrag von Markus Deimann zu tun. Er sieht rückblickend auf sein eigenes Studium eine Leistung der Hochschule darin, Lehrende und Lernende organisiert um ein Thema herum zusammen zu bringen. Markus bezweifelt aber, dass dies ausschließlich zeitgleich gelingen könne und merkt an, dass Hochschulen der Wille zum Experimentieren mit digitaler Asynchronität fehle. […]

  2. […] Mit Austausch hat auch der Beitrag von Markus Deimann zu tun. Er sieht rückblickend auf sein eigenes Studium eine Leistung der Hochschule darin, Lehrende und Lernende organisiert um ein Thema herum zusammen zu bringen. Markus bezweifelt aber, dass dies ausschließlich zeitgleich gelingen könne und merkt an, dass Hochschulen der Wille zum Experimentieren mit digitaler Asynchronität fehle. […]

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