Lernverlust #100DaysToOffload

Ein Tweet-Rant von Ben Willamson bringt mich zum Thema für diesen Post.

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Es geht um die sehr ökonomische Sicht auf Bildung, was in einer besonders perfiden Form von kultureller Aneignung auch als Bildungsökonomie bezeichnet wird. Entstanden ist diese volkswirtschaftliche Disziplin in den 1950er Jahren als Versuch, die Wirtschaftlichkeit des Bildungssystems zu analysieren und zu bewerten. Bildung wird zu „Humankapital“, das die Träger:in befähigt auf dem Arbeitsmarkt mehr oder weniger erfolgreich zu sein. Investitionen sollen sich dann wie bei allen anderen wirtschaftlichen Aktivitäten auszahlen, d.h. einen „Return on Investment“ erbringen.

Die während der Corona-Pandemie erfolgte Schließung von Schulen stellt in der Perspektive der Bildungsökonomie eine Verringerung von Investitionen dar und gefährden den Standort Deutschland. Das ist tatsächlich die Argumentationslinie, die hinter der Ablehnung von Schulschließungen steckt – vordergründig ist es die angeblich nicht belegte Wirksamkeit bei der Senkung von Infektionen.

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Belegbar sind dafür die wirtschaftlichen Verluste, die durch die Schulschließungen und den Lernverlust entstehen. Im OECD Education Working Paper Nr. 225 wird sich dem ökonomischen Impact des Lernverlustes gewidmet. Obwohl die genauen Lernverluste noch gar nicht feststehen (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung am 08. September 2020), scheint klar zu sein:

students in grades 1-12 affected by the closures might expect some 3 percent lower income over their entire lifetimes.

https://www.oecd-ilibrary.org/docserver/21908d74-en.pdf?expires=1612108161&id=id&accname=guest&checksum=6A57D84B545CD38BA48CB60098691A7C, p. 3

Man könnte sich nun fragen, mit welchen prognostischen bzw. hellseherischen Methoden die Autoren zu dieser Erkenntnis kommen, das würde jedoch den zentralen Punkt hinter dieser ökonomistischen Sichtweise verschleiern. Ich möchte auch nicht die Wissenschaftlichkeit der Bildungsökonomie in Frage stellen, sondern ihren Untersuchungsgegenstand. Wenn von Lernverlust gesprochen wird, so wie das im aktuellen Diskurs passiert, dann erscheint das Lernen als etwas Passives, etwas das man über sich ergehen lassen muss und zwar am Besten in der Schule zu vorab festgelegten Zeiten. Je länger man in die Schule geht, umso besser, d.h. hoher Bildungsabschluss. Es ist ein Verständnis von Lernen, das sich wenig für die inneren Vorgänge und Alternativen zum formalisierten Lernen in der Schule zu interessieren scheint.

Im OECD-Bericht wird auch betont, dass das außerschulische Lernen – soweit bekannt – nicht besonders effektiv ist, weil es an Anleitung fehlt. Statt mit der Schule, würden sich die Kinder lieber mit Fernsehen (!), Computerspielen und Mobiltelefonen beschäftigen – für die OECD alles passive Aktivitäten (!!!). (Als ob man mit dem Computer nicht auch aktiv sein könnte und als ob man in der Schule immer so aktiv ist).

Die Schulschließungen wären also nicht so gravierend – wenn man der Lernverlust-Erzählung folgen mag – würden es die Schulen besser schaffen, Lernen auch außerhalb des Klassenzimmers zu ermöglichen und aktiv miteinzubeziehen. Wird Lernen als das begriffen was es ist, nämlich eine genuin menschliche Eigenschaft, die jederzeit und an jedem Ort stattfinden kann, dann braucht es keine Panik, wegen ein paar Wochen geschlossener Schulen.

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