Strukturelle Nachteile des Distanzunterrichts #100DaysToOffload

Die Auseinandersetzung zum Zeitpunkt der Wiedereröffnung von Kitas und Schulen geht weiter. Heute zitiert die Süddeutsche Zeitung den bayerischen Kultusminister Piazolo:

„Distanzunterricht ist immer im Minus gegenüber Präsenzunterricht, er ist immer weniger chancengerecht. Ein Siebenjähriger kann einfach nicht alleine daheim am Rechner sitzen“

Quelle

Ich möchte in diesem Beitrag versuchen, diese Aussage etwas einzuordnen und zu relativieren. Dazu gehe ich auf einen Bereich ein, der dem aktuellen Kontext (Schule) zwar entgegensteht, auf der anderen Seite lässt sich dadurch aber ein aufzeigen, dass Fernunterricht nicht per se schlechter sein muss. Ich meine damit das Fernstudium, das in Deutschland durch seit 1974 durch die FernUniversität in Hagen ermöglicht wurde (siehe dazu hier das Fernuniversitätserrichtungsgesetz als PDF) und für die ich viele Jahre gearbeitet habe. In erster Linie sollten mit der Gründung der FernUniversität die Präsenzhochschulen entlastet werden, da es damals ein „außergewöhnliches Ansteigen der Nachfrage nach Studienplätzen“ (Quelle) gab. Gerade für berufstätige Menschen war die FernUniversität die einzige Möglichkeit, ein Hochschulstudium aufzunehmen und zu absolvieren.

Um der Entlastungsfunktion gerecht zu werden, galt es viel Energie in die Entwicklung des Lehrangebots zu investieren. Man orientierte sich dabei an den Angeboten der Präsenzhochschulen, auch um damit den Eindruck einer minderwertigen Hochschule aktiv entgegenzuwirken. Gerade stark nachgefragte Fächer sind geeignet, viele Studierenden anzuziehen, was auch in relativ kurzer Zeit geschafft wurde. Weniger als zehn Jahre nach dem Start, waren bereits 36,800 Studierende eingeschrieben (Studienjahr 1981/82).

Die Besonderheit des Fernuniversitätssystems lässt sich mit dem Bild des Betriebssystems gut verdeutlichen. Der Popularität kybernetischer Steuerungsmodelle in den 1970er-Jahren entsprechend, wurde auch bei der FernUniversität entsprechend geplant (siehe hier einen Entwicklungsbericht von 1976). Dabei spielten Medien, insbesondere der damals wie heute prägende Studienbrief, aber auch Tonbandkassette und zusätzliche AV-Medien (die zum Teil erst noch zu entwickeln waren) eine zentrale Rolle. Ebenso wichtig waren und sind die Studien- bzw. Regionalzentren, u.a. um Seminare und Kurse in erreichbarer Nähe zum Wohnort der Studierenden abhalten zu können. Es sind also verschiedene Elemente, die so konzeptioniert wurden, dass damit die Chance auf einen erfolgreichen Studienverlauf gegeben ist. Distanzunterricht / Fernlehre ist so ein Element, das gerade die Diskussion bestimmt. Es ist unbestritten, dass ein Fernschulsystem nicht das kurz- oder mittelfristige Ziel für den Umgang mit der Pandemie sein kann. Aber dennoch können wir von der (Erfolgs-)Geschichte der Fernlehre im Hochschulbereich lernen und daraus reflektiertere Schlüsse als die pauschale „Minus-Behauptung“ ziehen.

Das betrifft zum Beispiel die konsequente und systematische Integration von Medien für den Unterricht, die mehr ist als nur Illustration, sondern überhaupt erst die Grundlagen für die Vermittlung schaffen. Damit ist allerdings der Anspruch verbunden, sich bei der Auswahl der Medien an aktuellen Entwicklungen und pädagogisch-lernpsychologischen Erkenntnissen zu orientieren. Das vielleicht antiquiert wirkende Beispiel „Studienbrief“ zeigt, welche vielfältigen Funktionen dieses Medium übernehmen kann und dass es dazu aber auch eines besonderen didaktischen Ansatzes bedarf (siehe dazu hier, ab Seite 25 „Vom Brief zum Studienbrief“).

Ein gutes mediendidaktisches Konzept ist eine unersetzbare Grundlage für den Fernlehrbetrieb, was auch im Zusammenhang mit dem Digitalpakt Schule betont wurde. Dazu wiederum braucht es jedoch noch mehr Erfahrungen – die FernUniversität ist hier schon weiter.

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