Rezension zu „Bildung statt Bologna!“

Der Erziehungswissenschaftler und Präsident der Universität Hamburg Dieter Lenzen legt mit der gerade veröffentlichten Streitschrift „Bildung statt Bologna!“ einen „notwendigen, längst überfälligen Beitrag zur Bildungsdebatte in Deutschland“ (Klappentext) vor. In einem alarmistischen Duktus wird die Ausgangslage wie folgt beschrieben:

Die europäische Hochschulreform ist in Deutschland katastrophal gescheitert. Studenten hetzen von Prüfung zu Prüfung, erwerben Schmalspurwissen und sind menschlich unvorbereitet, wenn sie auf den Arbeitsmarkt kommen. (Klappentext)

In drei Kapiteln (Bologna: Vom Scheitern einer Reform, Was ist Bildung? Die Zukunft universitärer Bildung) soll eine „Besinnung über die besinnungslose Umsetzung eines europäischen Reformgedankens an den deutschsprachigen Universitäten“ (S.7) erreicht werden, die helfen soll, das Ziel „allgemeine Persönlichkeitsbildung und Menschenbildung durch Wissenschaft wieder einen gleichrangigen Stellenwert neben der Ausbildung für ein berufliches Leben einzuräumen“ (ebenda).

Im Vorwort findet sich dann eine Art Selbstvergewisserung: „Dieser Essay soll nicht die x-te Bologna Schelte sein“ (S.7), die wohl zum Lesen motivieren soll, gleichzeitig aber hohe Erwartungen weckt.

Im ersten Kapitel wird nochmals der Entstehungs- und Entwicklungsprozess der Bologna-Reform als „translantische Fehlsteuerung“ rekonstruiert. Hier kam es zur zentralen Bedeutungsverschiebung von der Input- zur Outputsteuerung, mit dem Ziel der Förderung der Beschäftigungsfähigkeit durch möglichst einheitliche, qualitätsgesicherte Standards.

Da mit der Bologna-Reform viele akademische Traditionen in ihr Gegenteil gewendet wurden, erscheint es nur logisch, wenn Lenzen im zweiten Kapitel den Säulenheilligen der deutschen Bildungsgeschichte, Wilhelm von Humboldt, heranzieht und deutlich macht, wie umfangreich die Reformbemühungen (u.a. Gründung der Berliner Universität) waren. Allerdings hielt es Humboldt nicht lange auf seinem neuen Posten und er zog sich für private sprachphilosophische Studien zurück. Damit blieb seine Reform fragmentarisch und stand bald im Kampf mit einer „kopflosen Modernisierung im Zuge der beginnenden Industrialisierung“ (S.44). Das fundamentale Prinzip „Bildung durch Wissenschaft“ und die strenge Trennung zwischen Allgemeinbildung und fachspezifischer Ausbildung wurden zunehmend ausgehöhlt. Für Lenzen sind die sozio-historischen Umstände jedoch eher von nachgeordneter Bedeutung. Stattdessen haben wir „(…) die Möglichkeit, dafür zu kämpfen, dass die Universität wieder zu einer reinen Bildungsinstitution wird, die sich der Berufsausbildung konsequent verweigert“ (S. 79)

Im abschließenden dritten Kapitel greift der Autor diese Forderung wieder auf und präzisiert sie ein wenig in Richtung eines einjährigen Universitätskolleg, das dem Bachelorstudium vorzuschalten sei. Eine andere Möglichkeit wäre die Zeit des BA zu verlängern, um  dann parallel dazu einen „wissenschaftlich allgemeinbildenden Teil“ (S. 84) laufen zu lassen. Leicht wird dies nicht, das ist Lenzen auch klar, dennoch hält er an dem „Konzept einer nachhaltigen Wissenschaft und nachhaltigen Universität“ (S. 101) fest, wobei unklar bleibt, was genau damit gemeint ist.

Somit hinterlässt das Buch einen ambivalenten Eindruck: Einerseits überzeugt es durch eine fundierte Analyse der Entstehung und Entwicklung des Bologna-Prozesses und einer guten Zusammenfassung des Humboldtschen Bildungsbegriffs. Wenn es dann aber daran geht, beides zusammen zu denken und es vor allem es im Hinblick auf die Digitalisierung weiter zu entwickeln, bleiben die Aussagen bei Leerformeln wie „Nachhaltigkeit“ stecken.

 

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