Forschungswerkstatt 2013

http://www.flickr.com/photos/andih/1748924282/sizes/s/in/photostream/
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Hier entsteht eine Dokumentation zu meiner Präsentation bei der Forschungswerkstatt in Bergisch-Gladbach

Mein Thema:

Offene Bildung/Open Education – eine bildungstheoretische Rahmung

Das Vorgehen:

  1. Gegenstandtheoretische Darstellung des Phänomens Open Education
  2. Grundlagentheoretische Rahmung
  3. Zusammenführung und Weiterentwicklung der Idee von Bildung

Kurze Übersicht zur Geschichte von Openness in Education (Peter & Deimann, 2013)

Visualisation of the History of Openness in Education (Peter & Deimann, 2013, p. 5)
Visualisation of the History of Openness in Education (Peter & Deimann, 2013, p. 5)

Erkenntnisse aus (1) und (2)

In der Entwicklungsgeschichte von Open Education kam es zu signifikanten Brüchen, die für die bildungstheoretische Rahmung wichtig sind. Diese betreffen:

  1. Die frühe Open Education war stark politisierend und ideologisch aufgeladen („Pedagogy of the Oppressed“ Paulo Freire), rekurrierte  zur Legitimation ihrer Positionen auf romantische Bildungsphilosophie (Rousseau, Fröbel) und sicherte ihre Methoden und Strategien nicht empirisch ab. Bildungstheoretische Rahmung: Romantische Bildungsphilosophie kontrastrieren mit klassischen und modernen Positionen (Humboldt, Marotzki). Fortschrittspessimistische Perspektive, die die damalige Gesellschaft als durch Selbstentfremdung und den Verfall von Sitten und Moral kennzeichnet. Daran ursächlich beteiligt sind Wissenschaft und Kunst. Rousseau konstruiert einen Naturzustand mit einem autarken, durch Selbstliebe geprägtes Individuum, das sich selbst erhalten will ohne anderen zu schaden. Da jedoch eine Rückkehr zum Naturzustand nicht mehr möglich ist, müssen vertraglich gesicherte Ordnungen geschaffen werden. Die Erziehung hat bei Rousseau vor allem die Funktion das von Natur aus gute Kind von den bösen Einflüssen der Gesellschaft zu schützen und die im Kind innewohnenden Anlagen und Fähigkeiten zu entwickelt. Damit steht Rousseau jedoch im Gegensatz zu differenztheoretischen Menschenbildern, wie z.B. bei Kant, die davon ausgehen, dass der Mensch von Natur aus ein Tier sei und erst durch äußere Beeinflussung in Form von Erziehung zum Mensch gemacht werden kann. Die frühe Open Education Bewegung reflektiert die impliziten Annahmen des zugrunde liegenden Menschenbilds nicht ausreichend und zieht auch keine Alternativen in Erwägung. Damit ist auch ein Grund für ihr Scheitern zu sehen.
  2. In der zweiten Phase sind es technische und rechtspositivistische Gründe, die zur Revitalisierung durch Open Educational Resources (OER) ab der Jahrtausendwende führten. So erlauben es digitale Technologien nun sehr viel besser, Materialien über das Netz weltweit allen Menschen zur Verfügung zu stellen, rennomierte Institutionen wie das MIT spielen dabei eine Vorreiterrolle. Ergänzt wird dies mit der Forderung eines Grundrechts auf Bildung, wie es in der Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948 im Artikel 26 kodifiziert wurde. Bildungstheoretische Rahmung: OER können bildungstheoretisch als Äquivalent des Humboldtschen Ideals betrachtet werden, denn noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit gab es einen so umfassenden, freien Zugang zu Materialien. Das Recht auf Bildung kann nach Hossenfelder (2008, S. 130) als universelles Menschenrecht definiert werden: „Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung, die ihn in den Stand setzt, Idee und Begriff des Rechts zu verstehen und einzusehen, dass Gewalt kein geeignetes Mittel ist, seine Zwecke zu erreichen.“ Damit geht es beim Recht auf Bildung immer auch um Aufklärung, die jedoch immer nur ein Versprechen und keine Garantie ist. Darauf haben Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ deutlich hingewiesen. In Deutschland gab es eine Debatte zum Thema „Bildung als Bürgerrecht“, die um Ralf Dahrendorf in den 1970er Jahren geführt wurde. Dabei ging es nicht um ein Recht auf Bildung, das von jedem Bürger in Anspruch genommen werden kann und wie es z.B. beim Wahlrecht der Fall ist, sondern um eine Verpflichtung des Staates, Barrieren abzubauen (z.B. durch Reformen), um dadurch für alle Menschen Zugänge zu einer wissenschaftlichen Grundbildung zu erleichtern. Hieraus sind zwei zentrale Arbeiten zur Legitimation von Bildungsreformen entstanden: „Bremer Plan“ von Fink (1960) und Bielefelder Laborschule von Hentig. Hieraus lassen sich Erkenntnisse für die Umsetzung von Bildungsreformen heute im Zusammenhang von Open Education ableiten. Erkennbar ist dann, dass in heutigen Reformvorhaben (MOOCs, Open Courses) fast vollständig auf eine kritische Reflexion der gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen verzichtet wird. Dies wäre aber durchaus wünschenswert, da mit der Etablierung neuer Modelle auch neue Werte und Normen emergieren, die wiederum an gesellschaftliche Diskurse rückzukoppeln sind.
  3. Aus der Erkenntnis heraus, dass OER noch keine Bildung garantieren, wurden ab 2008 sog. Massive Open Online Courses (MOOCs) entwickelt, eine sozial-partizipative digitale Medienarchitektur zur Vernetzung von Lernern weltweit. Dabei wird ganz bewusst auf ein Überfluss an Informationen (durch Blogs, Podcasts, Videos etc) gesetzt; es ist dann Aufgabe eines jeden Teilnehmers sich darin zu orientieren, also einen Bildungswert zu erlangen. Bildungstheoretische Rahmung: MOOCs stellen einen Möglichkeitsraum dar, der durch seine Offenheit und Komplexität reflektive und tentative Prozesse, also Bildung fördert. Dies erfordert jedoch auch eine empirische Basis, um gegenüber Entscheidungsträgern und Bildungspolitikern MOOCs zu legitimieren.
  4. Seit kurzer Zeit kommt es zu einer Abkehr der „klassischen“ MOOCs und sog. Open Courses werden angeboten, die jedoch in vielerlei Hinsicht den MOOC-Prinzipien (so ist beispielsweise keine Veränderung des Materials erlaubt) widersprechen. Es sind nun vor allem ökonomische und weniger humanitäre Gründe, die zum stark steigenden Angebot an Open Courses führen. Auch sind es nun nicht mehr Hochschulen oder Einzelpersonen, sondern privatwirtschaftliche Unternehmen wie Udacity oder Coursera (siehe Videos dazu weiter unten), die auf den Markt der (Hochschul-)Bildung konkurrieren. Bildung wird dadurch zu einer Ware (Kommodifizierung), meist begründet mit dem Verweis auf das „Recht auf Bildung“. Daraus leiten dann profitorientierte Unternehmen wiederum ihre Legitimation ab, d.h. sie fühlen sich geradezu berufen, allen Menschen Bildung kostenlos zur Verfügung zu stellen. Tatsächlich kommt es dabei jedoch zu einer Einschränkung der Freiheit und zwar nicht nur was die Inhalte, sondern auch die Methoden betrifft. Bildungstheoretische Rahmung: Die ökonomische Engführung kann bildungsphilosophisch bis zur Aufklärung und der von Kant geäußerten berühmt gewordenen Formel „sapere aude“ rekonstruiert werden. Siehe dazu auch das Buch „Das Unbehagen an der Moderne“ von Charles Taylor. Denn durch die Hegemonie der Vernunft eröffnen sich markttökonomische Praktiken, da jeder bestrebt ist, nur das Beste für sich herauszuholen. Die Kommerzialisierung der Bildung hat jedoch Grenzen, insbesondere, wenn man es aus moralischen Gesichtspunkten betrachtet. Kürzlich erschien beispielsweise dazu das Buch „The moral limits of the market“ von Michael Sandel, der aufzeigt, dass marktliberales Vorgehen oftmals zu Zwang und Korruption führt. Weiterhin können moralische Aspekte durch die Taxonomie „Zweck – Mittel – Nebeneffekt“ diskutiert werden. Beispiel Open Courses: In der ursprünglichen Konzeption war es wie folgt intendiert: Zweck — Bildung für möglichst alle Menschen ermöglichen, Mittel — Anbieten eines MOOCs, Nebeneffekt — ökonomische Verwertbarkeit durch skalierbaren Kurs. Im laufe des letzten Jahres kam es zu einer Verschiebung von Zweck und Nebeneffekt bei gleichem Mittel, d.h. nun ist der Zweck die Profitmaximierung (es sind for-profit Unternehmen, aufgebaut mit Venture Kapital) und der Nebeneffekt ist die Bildung für alle. Moralisch bedenklich, da der Nebeneffekt bloß hingenommen und nicht wie der Zweck bewusst intendiert wird. Äußerlich ist diese Verschiebung schwer zu erkennen und zugeben wird dies auch keiner der Betroffenen freiwillig.

(3) Zusammenführung zur Weiterentwicklung der Denkfigur Bildung

Durch das Konzept „Open Education“ kommen folgende Motive besonders zur Geltung

  • Offenheit/Transparenz: Zwar eröffnen OER auf der einen Seite eine enorme Fülle an frei zugänglichen Materialien und damit zur Verbesserung der eigenen Bildung, auf der anderen Seite ist dies jedoch nicht als eine „Einbahnstraße“ zu verstehen. Durch die normativen Implikationen von OER wird nicht nur ein „Nehmen“, sondern auch ein „Geben“ erwartet, dazu muss die Person sich aber erst überwinden, um den Schritt an die Öffentlichkeit zu vollziehen. Dies kann in Anlehnung an das Coming-out der Schwulen- und Lesbenbewegung als Bildungsprozess verstanden werden, da es dabei zur Transformation von Orientierungsmustern (Marotzki, Koller) kommt.
  • Moral: Die in der grundlagentheoretischen Rahmung deutlich gewordenen Tendenzen der Kommodifizierung von Bildung weisen auf moralische Aspekte hin, die von einer zeitgemäßen Bildungstheorie mitzudenken sind. Denn in dem Moment, wenn sich Zweck und Nebeneffekt vertauschen (bei gleichbleibenden Mittel), kommt es zu einer moralisch bedenklich Verschiebung von Intention und bewusst Hingenommenem.

Potentiale von Open Education

Dadurch das Open Education frei veränderbar und zumeist (aber nicht ausschließlich) kostenfrei sind bieten sie Lern- und Bildungspotentiale für bestimmte Kontexte. Das betrifft z.B. sog. Einstiegsakademie, wie gerade vom Stifterverband der Deutschen Wissenschaft zur besseren Vorbereitung auf das Studium gefordert.

Generell ist mit Open Education eine Renaissance der klassischen Bildungsideen im Sinne von Humboldt möglich, aber nur wenn es gelingt die grundlegenden Prinzipien von OER zu verteidigen (gegen die Tendenzen zur Kommodifizierung und Kommerzialisierung). Diese beziehen sich auf folgende Aspekte (Quelle)

  1. Reuse – the right to reuse the content in its unaltered / verbatim form (e.g., make a digital copy of the content)
  2. Revise – the right to adapt, adjust, modify, or alter the content itself (e.g., translate the content into another language or modify a learning activity)
  3. Remix – the right to combine the original or revised content with other content to create something new (e.g., incorporate the content into a mashup)
  4. Redistribute – the right to share copies of the original content, your revisions, or your remixes with others (e.g., give a copy of the content to a friend

Bildung kann dadurch entgegen der gegenwärtigen Tendenz zur Verkürzung (Ausbildung, Qualifikation) wieder mehr in seiner ganzheitlichen Bedeutung gedacht werden. Mit Innovationen wie den MOOCs bietet sich Möglichkeiten, „wahre“ Bildungserlebnisse zu realisieren.

Auch kann durch die Betonung und Förderung einer Kultur des Teilens (Sharing) der gegenwärtigen „Kultur des Narzißmus“ (Taylor, 1995, S. 65) entgegengewirkt werden. In diesem Zusammenhang ist auch der im eigentlichen MOOC zu Grunde liegende Ansatz des Konnektivismus zu sehen, der betont, dass Wissen nicht nur innerhalb des Individuums lokalisiert ist, sondern auch in den Knoten des Internets.

Thesen und Fragen zur Diskussion

  • Welche bildungstheoretische und -philosophische Figur verbirgt sich hinter der Forderung „Education must be freely available for everybody“?
  • Bildung scheint einerseits eine Seelenverwandtschaft mit Open Education zu besitzen (freier Zugang zu Materialien auf der ganzen Welt als Verwirklichung des Humboldtschen Bildungsideals), andererseits macht es die Unbestimmtheit des Bildungsprozesses schwierig, Open Education institutionell zu integrieren. Auch unterliegt Open Education der Gefahr einer Ausgrenzung und Disziplinierung im Sinne von Foucault. Wie gehen wir dann mit den Ausgegrenzten um, d.h. denjenigen, die sich Open Education verweigern?
  • Welche Anregungen kann die Bildungstheorie/Philosophie bieten, um eine Innovation wie MOOCs zu legitimieren, auch ohne dass eine breite empirische Befundlage vorliegt? Ist das nicht ein Grundanliegen von Bildung, sich auf Unbekanntes und Neues einzulassen?
  • Welche Potentiale verbergen sich hinter Open Education zum Weiterdenken der Figur „Bildung“? Dazu notwendig wäre eine systematische Auseinandersetzung mit der Kultur der Offenheit
  • Welche aktuellen gesellschaftstheoretischen Ansätze wären empfehlenswert, um Open Education/Open Courses zu rahmen?

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Materialien

Vortrag von Daphne Koller (Mitbegründerin von Coursera) zur Strategie von Coursera

Vortrag von Peter Norvig (Mitbegründer von Udacity) zum Lehren und Lernen im digitalen Zeitalter

Linksammlung (zur weiteren Verarbeitung)

Meine Veröffentlichungen zum Thema

  1. Peter, S. & Deimann, M. (2013). On the role of openness in education: A historical reconstruction. Open Praxis, 5(1), 1-8.  [PDF]
  2. Deimann, M. (2012). Open Education: Offene Bildung und offenes Lernen ­– mehr als nur eine Alternative für E-Learning, in: Hohenstein, A./Wilbers, K. (Hrsg.): Handbuch E-Learning. Expertenwissen aus Wissenschaft und Praxis, Köln 2012, 42. Erg.-Lfg., Beitrag 7.22. [PDF]
  3. Deimann, M. (2012). Freiheit für mehr Wissen. Gastkommentar in BILDUNG.aktuell. #12, 12-13. [PDF]
  4. Deimann, M. & Bastiaens, T. (2010). Potenziale und Hemmnisse freier digitaler Bildungsressourcen – eine Delphi-Studie. Zeitschrift für E-Learning, 5(3), 7-18. [PDF]
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5 Kommentare

  1. Hallo,
    eine ganze Weile (Diss. 1983- Thema i.w.S „Arbeiten und Lernen) habe ich mich nicht mehr an bildungstheoretischen Diskussionen beteiligt. Überhaupt Ich bin jedoch seit 30 Jahren in der Erwachsenenbildung (u.A. auch in Nigeria) tätig und finde diese Diskussion grundsätzlich sehr interessant. Neue digitale Medien beeinflussen immer Stärker unsere Arbeit. Aus meiner Sicht ist Vieles nicht „Bildung“ sondern „Information“. zum Beispiel halte ch die Auseinandersetzung über „informelle Bildung“ für erforderlich. Bei der Informationsflut heute fehlt mir die „Gerichtetheit“ über den „subjektiven Faktor“, der bisher von dem Lehrer im klassischen Sinne wahrgenommen wurde.

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