Digitale Bildung – jenseits von Kompetenzen

Eine oft und gerne gestellte Frage in Debatten zum sog. lebenslangen Lernen in der heutigen digitalen Wissensgesellschaft lautet: Welche Kompetenzen (gerne auch als Literacies bezeichnet) braucht der Mensch, um sich im immer komplexer werdenden Dschungel des weltumspannenden Netzes zurechtzufinden und um kommunizieren und kollaborieren zukönnen? Ebenso gerne wird dabei auf Bildung zurückgegriffen, um die Notwendigkeit (neue) Kompetenzen zu erfinden theoretisch abzusichern (beispielsweise hier).

Ich bin bei solchen Gleichsetzungen (Bildung = Kompetenzen) zwiegespalten: Einerseits ist das Zurückgreifen auf einen historisch und ideologisch stark aufgeladenen Begriff wie Bildung durchaus positiv, um ihn präsent zu halten und damit auch Irritationen und Neugier auszulösen (Was ist denn Bildung gleich nochmal?). Andererseits – nun beschreibe ich den Zusammenhang in einer zeitgemäßen, ökonomisch verkürzten Sprache – schöpft man damit die Potentiale von Bildung nur in sehr geringem Maße aus. Bildung bedeutet nämlich viel mehr als Kompetenzen, Fähigkeiten oder Qualifikationen. Dies haben viele Denker in der langen Theoriegeschichte immer wieder versucht herauszuarbeiten und dabei sehr verschiedene Erklärungen produziert.

Eine der auch heute noch zentralen Bezugspersonen ist Wilhelm von Humboldt, der in seiner Theorie Bildung als Wechselwirkung zwischen Mensch und Welt definierte:

Die letzte Aufgabe unsres Daseyns: dem Begrif der Menschheit in unsrer Person, sowohl während der Zeit unsres Lebens, als auch noch über dasselbe hinaus, durch die Spuren des lebendigen Wirkens, die wir zurücklassen, einen so grossen Inhalt, als möglich, zu verschaffen, diese Aufgabe löst sich allein durch die Verknüpfung unsres Ichs mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten Wechselwirkung. (Zitat entnommen hier)

Deutlich trägt diese Grundlegung von Bildung die Züge des zur damaligen Zeit vorherrschenden Idealismus. Der Mensch, so Humboldt, arbeitet durch Bildung an seiner Bestimmung, die jedoch weder als reine Selbstschöpfung noch als bloße Tradierung oder Bejahung eines bereits gegebenen gesellschaftlichen Zusammenhangs verstanden wird. Bildung meint vielmehr die Vermittlung zwischen individueller und gesellschaftlicher Existenz, so dass sich individuelle Freiheit an die Verschiedenartigkeit von Situationen menschlichen Zusammenlebens zurückbindet. Verbunden ist damit die Forderung nach einer Reform des Bildungssystems: Der Staat müsse sich zum Zwecke der Bildung des Einzelnen selbst beschränken (mehr dazu in Benner, 1990).

Wie die spätere Geschichte zeigte, gelang die Reform nicht so, wie sie Humboldt sich vorstellte. Vielmehr entwickelte sich das Bildungssystem zu einem Gebilde, das – wie Adorno pointiert feststellte – eher Halbbildung als „echte“ Bildung ermöglicht und Ivan Illich zur Forderung nach „Entschulung der Gesellschaft“ provozierte. Doch zurück zum Ausgangspunkt dieses Postings, der Frage, wie Bildung in der digitalen Welt möglich gemacht werden kann. Ich beziehe mich dazu auf die klassische Figur von Humboldt, Bildung als Wechselwirkung zwischen Mensch und Welt. Bezüglich der Komponente „Welt“ hat sich in den letzten zehn Jahren etwas sehr Erstaunliches getan, das uns scheinbar sehr nahe an das klassische Bildungsideal gebracht hat. Zahlreiche renommierte Hochschulen, angefangen mit dem MIT 2001, begannen, alle ihre Lehr- und Lernmaterialien frei zugänglich und kostenfrei ins Internet zu stellen.  Dazu kamen und kommen einzelne Personen oder Gruppen, die ebenfalls Materialien frei ins Netz stellten, auf Plattformen wie z.B. Slideshare, iTunesU oder YouTube. Entstanden ist dadurch eine weltweite Bewegung, die als Open Educational Resources (offene digitale Bildungsressourcen), bekannt ist und die vielfältige Ansatzpunkte für bildungstheoretische und -philosophische Analysen bietet (siehe dazu z.B. hier oder hier).

OER problematisieren, so meine These, die Welt-Seite stärker als zuvor als eine der beiden zentralen Voraussetzung von Bildung. Über viele Jahrhunderte hinweg spielten Fragen des Zugangs zu Information und Ressourcen keine so große Rolle, dank klar geregelter Mechanismen, die auf dem Stand der jeweils möglichen Technik operierten. Eine Kultur des Teilens war lange Zeit nur in lokalen Kontexten möglich. Heute dagegen ist dank Open Study oder Peer-to-Peer University  weltweite Vernetzung, Austausch und Kollaboration tatsächlich möglich.

Im Zuge der Verbreitung von OER, bislang leider vornehmlich in der anglo-amerikanischen Welt, kristallisiert sich jedoch eine Vernachlässigung der Personen-Seite immer mehr heraus. Dies betrifft die oftmals von OER-Skeptikern gestellte Frage, welchen Einfluss OER denn auf Lehre und Lernen, und damit auch auf die Bildung hätten. Hier denke ich helfen Versuchen, immer neuere und abstraktere Kompetenzen wie Web Literacy, Data Literacies, Content Literacies, Network Literacies usw. nicht wirklich weiter. Damit will ich nicht, die Notwendigkeit von Kompetenzen generell und insbesondere in der digitalen Welt bestreiten, denke aber, dass wir mehr und genauer zu den dahinter liegenden Bildungserlebnissen schauen sollten.

Hierzu hat der Göttinger Erziehungswissenschaftler Klaus Mollenhauer ein inspirierendes Buch, das den vielsagenden Titel „Vergessene Zusammenhänge“ trägt, geschrieben. Ganz bewusst greift er dabei auf Autobiographien berühmter Persönlichkeiten wie Franz Kafka zurück, um die Besonderheit individueller Bildungsprozesse zu verdeutlichen. Denn diese sind immer eingebettet in die persönliche Biographie, die wiederum von einem bestimmten kulturellen und sozialen Kontext geformt ist. Besonders gut zugänglich sind solche Bildungsprozesse daher auch in biographischen Berichten wie den (fiktiven) Brief Franz Kafkas an seinen Vater.

Da der Zugang zu (auto-)biographischen Texten im Zuge der Open Educational Resources zunimmt, eröffnet sich hier ein interessantes Forschungsfeld. Ein Ansatz sind Blogbeiträge, die sich mit Erlebnissen aus der Teilnahme an sog. Massive Open Online Courses auseinandersetzen. Deutlich biographische Züge enthält dann auch das Posting „Of bow ties and MOOCs: a personal reflection (#change11)“ von Paul Prinsloo, indem er seine ersten Versuche, eine Fliege zu binden beschreibt:

Last Thursday I however decided to bite the bullet (or tie the knot). I revisited the downloaded guidelines (with the same frustration) and then it dawned on me that I should try YouTube. Voila. And yet, four videos later I still could not tie a bow tie. It is then that I discovered a video clip that somehow “broke the code”. There I was in front of my computer with a mirror alongside trying to follow the instructions as a 53-year old male learning to do something quite simple. I must confess that even though the video clip was really helping me “see” what I have missed in the previous attempts; it still was not easy.

Ähnliche Erfahrungen machte Paul Prinsloo im MOOC #change11. Bildung in diesen offenen komplexen Welten ist dann sinnbildlich gesprochen das „breaking the code“, das durch Anstrengung, Überwindung und Misserfolge gekennzeichnete „Aufsperren“ neuer Horizonte, die zu neuen Einsichten und Erkenntnissen führen. Dies ist so umfassend, das es nicht ohne Not unter das Label „Kompetenz“ gepresst werden sollte.

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Benner, D. (1990). Wilhelm von Humboldts Bildungstheorie: Eine problemgeschichtliche Studie zum Begründungszusammenhang neuzeitlicher Bildungsreform. Weinheim: Juventa.

Mollenhauer, K. (1983). Vergessene Zusammenhänge: Über Kultur und Erziehung. Weinheim: Juventa.

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3 Kommentare

  1. […] "Eine oft und gerne gestellte Frage in Debatten zum sog. lebenslangen Lernen in der heutigen digitalen Wissensgesellschaft lautet: Welche Kompetenzen (gerne auch als Literacies bezeichnet) braucht der Mensch, um sich im immer komplexer werdenden Dschungel des weltumspannenden Netzes zurechtzufinden und um kommunizieren und kollaborieren zukönnen? Ebenso gerne wird dabei auf Bildung zurückgegriffen, um die Notwendigkeit (neue) Kompetenzen zu erfinden theoretisch abzusichern "  […]

  2. Markus, I used Google translate to read your blog – and although not a perfect translation – I could follow you argument. While technology is a major driver in educational change (actually, it always was…), the digital environment does allow us to share and engage on our personal biographies, which are shaped by a particular cultural and social context. Learning analytics may allow us to get a more comprehensive sense of the lives of our students. The challenge would then be to find appropriate ways to respond. Maybe the digitization of education allows us to re-discover traces of ‚bildung‘ as the essence of education?

    Thanks for your post. Paul

    • Hi Paul,

      thank you very much for your effort to read my posting. I could have written it in English but since we in Germany are somewhat behind the current OER movement, I thought it would be better to put forward my arguments in German language.

      I really like your „tie-experience“ because it gives us a profound reflection of the process of Bildung instead of the plain description of competencies which are rather predictive than explanatory.

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